19.12.2019

Briefe



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ID: 17950 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 09.12.1875
 

Düsseldorf d. 9t Dec. 1875.
Meine theure Clara!
Ihr lieber Brief v. Hannover war am Montag eine herrliche Überraschung für uns – denn grade erzählte mir die Schön. gleich Sonntag daß Sie dort spielten, u so erwartete ich so schnell noch keinen Brief von Ihnen! Tausend Dank! Und wieder u wieder innige Wünsche für fernere Gesundheit, ferneres schönes Schaffen u für Kräftigung der Kinder! – Die frühe Kälte hat Sie u uns u alle Welt überrascht, u unsre Rückfahrt 5 Tage durch den Schnee war nicht erfreulich! Gleich hinter Genua begann das Schneien – doch Gottlob, mein Mann ist wohlgeblieben, u es scheint würklich daß die Kräftigung in der guten Luft von Nervi u Tegli ihm gelungen ist! Länger zu bleiben ist schwer, wenn man sich nicht in eigener Häuslichkeit einrichten kann; dies Essen Mittags u Abends mit 30–40 P. wird unerträglich nach 4 Wochen, u so ist es mit vielen Dingen! Außerdem wünschten wir ja aber auch wegen vielen Gründen zum Winter ruhig daheim zu sein, u so sind wir dankbar für Alles Genossene Gute, u freuen uns die Rückreise doch schnell u gut bewerkstelligt zu haben. Hier gab es viel zu thun, um unsre 3 Wohnzimmer mit Bildern, Spiegeln, Möbeln, Büchern u. s. w. wieder wohnlich zu machen, u noch immer ist es nicht fertig, aber doch sitzen wir wieder um den alten gemüthlichen Eßtisch! – Eben kam Frl. Leser – die grimme Kälte ließ gestern nach u heut ist es milde u schön, u sie kann wieder promeniren! Es geht ihr so weit gut, u grüßt sie Sie tausendMal! – Ich war mit Ihrem Brief gleich Montag Abend bei ihr, denn der Gedanke daß Sie wieder hier wohnen möchten bewegte mich doch sehr – wie köstlich wäre es! Aber – aber – eine gute warme Wohnung finden ist schwer, u das Risico wenn man zur Miethe wohnt immer fatal, weil jeden Tag solch’ Haus an andre Besitzer übergehen kann u man dann heraus muß! – Sie müßten sich würklich sehr resigniren u mit dem Gedanken herziehen, daß man hier gut wohnt, aber nicht so comfortable wie in Berlin! – Für 600 Th. findet man sehr gute Etagen – aber freilich in welcher Gegend? – das ist zweifelhaft – doch will ich nicht darüber urtheilen; ich kenne hier zu wenige Häuser! – Alles Musikalische dürfen wir nicht beurtheilen – Sie kennen ja die Verhältniße, u würden auch da sich sehr zu resigniren haben – denn in Berlin hören Sie immerhin den schönsten Gesang u die schönsten Orchester-Sachen! Das Alles fällt hier fort. – Aber treue Freunde fänden Sie geliebte Clara, u zuviele Geselligkeit würden Sie ja auch nicht wünschen! Warnen möchte ich nur für [sic] zu schnelles Aufgeben der Berl. Wohnung; Sie müßten doch erst hier die Wohnung fest haben, oder doch in Aussicht – denn die Möbel so viel hin u her schleppen ist großer Verderb. Man müßte hier im neuen Jahre suchen – Marie müßte dazu herkommen, denn ein Andrer kann unmöglich für Sie wählen theure Clara. Nehmen Sie sich nur recht in Acht, damit Sie gesund bleiben, das ist die Hauptsache! – Innig umarmt Sie Ihre treue
Lida.
Herzl. Grüße den Kindern!

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 232ff.
 



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