15.07.2019

Briefe



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ID: 17952 Brieftext


Geschrieben am: Montag 25.12.1876
 

Düsseldf 25 Dec 76.
Liebe, verehrte Freundin!
Sie haben meiner Frau geheißen Ihnen nicht zu schreiben, weil Sie dieselbe durch so Vieles in Anspruch genommen glauben, was Herz u Kopf durchschwirrt. Auch das ist ein Zeichen u ein Beweis Ihrer Liebe u Freundschaft zu uns, die wir so gern immer erwidern möchten, vielleicht nicht immer hinreichend zu erwidern scheinen. Von meiner Frau nehme ich das nun freilich gar nicht an – aber was mich betrifft, so habe ich das lebhafteste Gefühl dieses Mangels u kann es daher nicht aufschieben od. unterlassen, Ihnen einmal wieder schriftlich in die Hand zu geben, wie dankbar für Ihre Freundschaft wir, ich insonderheit, bin, bleibe u bleiben werde! Wenn wir an einem Orte lebten, so würde Ihnen vielleicht diese Erklärung nicht so baar u blank, wie ein Groschen, in die Hand gedrückt worden sein; ich würde etwa bei dieser od. jener Gelegenheit auch ohne solchen Groschen zu meinem Ziele gelangt sein – im Briefwechsel aber einen beständigen Zusammenhang zu erhalten, namentlich wenn es sich um Stimmungen handelt; das ist nur Frauen möglich, wenn er stets die Frische u Lebendigkeit des Gefühles widerspiegeln soll. Daß Sie dies können, die Sie nicht halb sondern ganz Frau u ganz Künstlerin sind, das bewundere ich nicht am Meisten in Ihnen aber daß Sie Beides so sind, das gibt Ihnen für mich Ihren höchsten Werth! – Bei dem Versuch (aber unwillkürlichen!) in diesen Worten Ihr Bildniß zu zeichnen (das Bildniß, welches ich auf Papier von Ihnen gezeichnet habe, hat neulich Hiller sehr gefallen) fallen mir die Worte ein, die dieser in seinen Briefen „an eine Ungenannte“ über Sie veröffentlicht hat und welche uns Allen so außerordentlich zugesagt haben! Mir kommen sie wie [ein] kleines aber schönes u unvergängliches Denkmal vor, welches er Ihnen gesetzt hat, kein Wort zu viel und keines zu wenig. Und da sein kleines Buch, nach Beurtheilung des Buchhändlers, einen ansehnlichen Liebhaberkreis zu finden scheint, so ist dies Denkmal auch nicht in den Winkel gesetzt, sondern wird Ihnen noch manche Seele mehr zuführen, als Sie bereits gefangen haben. – Mir hat das Buch auch sonst sehr gefallen, so wie Allen die es in unserm Kreise gelesen haben. Er selbst der uns vor einigen Tagen besuchte, meinte daß ihm nie ein Produkt so viel Lobes eingetragen hätte. –
Das Wichtigste für Musik in hiesiger Stadt ist, wie Sie begreifen, die Berufung von Brahms, welche nun officiell erfolgt ist. Wir fürchten, daß die liebevollen Äußerungen seiner hiesigen Gegner ihm den entscheidenden Entschluß hierher zu kommen etwas erschweren könnten, hoffen aber auf der andern Seite, daß er sich solcher Dinge wohl schon versehen haben wird, als er seine Bereitwilligkeit erklärte. Möchte er diese elenden Schreiereien nicht zu hoch anschlagen, welche sich schließlich auf eine geringe Anzahl von Leuten beschränken, deren Interessen vielleicht durch sein Kommen gefährdet werden! – Mir ist die Aussicht auf ihn aus dem Grunde doppelt willkommen, weil ich im Stillen, im Stillsten, denke, daß Ihnen einmal der Aufenthalt hier wieder näher in den Sinn treten könnte. Das würde abgesehen von Ihren Freunden ein großer Gewinn für die Stadt und deren Musik sein! das wäre herrlich! Also reden Sie ihm ja nicht ab! Wir leben hier übrigens in einem südlichen Klima – Ihre liebevolle Besorgniß für mich in Ihrem letzten Briefe wegen der Kälte u des scharfen Ostwindes, ist uns Südländern ganz unverständlich. Wir spüren erst seit heute einen Grad Kälte u ein klein wenig Schnee. Bis dahin blühten u pruncten unsere Myrthen u Rosen u Orangen u Citronen u ein lauer Wind wehte, freilich war nebelgrauer Himmel! Und mir selbst geht es auch sehr gut – ich kann seit einigen Tagen wieder ganz gut sprechen u biete den südlichen Orten ein Paroli, indem ich nun sagen kann, daß ich solcher Reisen nicht zu bedürfen scheine. Wie lange dieser Redefluß fließen wird, ist eine andere Frage u ich fürchte sie anzuregen. Jedenfalls war ich sehr froh u dankbar, dß ich das Weihnachtsfest nicht stumm u still begehen konnte, wenn auch wie Sie begreifen nicht so heiter wie sonst wohl. Ich für mein Theil kann wohl solche Sorgen u solche Betrübniß wie wir sie jetzt erlebt haben u noch erleben, zeitweise bei Seite schieben (wie wir Männer überhaupt) aber für Lida ist die Sache doch schwerer, um so mehr als unsere Schwiegertochter seit wenigen Tagen hier ist, ruhig u gefaßt, aber (natürlich) tief gebeugt. Ihr letztes Kind ist glücklicherweise recht wohl u munter [die Besorgnisse um dasselbe von Seiten des Arztes in Kaiserwalde, waren übertrieben.], wenn auch zart u blaß u so will sie denn in einigen Tagen zu Ernst reisen. Diesem geht es, man kann nicht sagen besser, aber doch keinesweges schlechter, trotz des Verlustes des ihm sehr ans Herz gewachsenen Kindes. Leider hat ihn auch das Wetter bisher nicht begünstigt, so dß das eigentliche Heilmittel, der Genuß des schönen Klima’s, noch nicht zur Anwendung kommen konnte. – Beide sehnen sich sehr zu einander, – gebe der Himmel, dß ihr Zusammensein keine Störung erleide. Ich sehe freilich mit den besten Hoffnungen in die Zukunft u wollte dß ich meinen möglicherweise falschen Glauben den
Frauen beibringen könnte! Denn die Sorge hilft zu nichts Gutem, wenn sie keinen praktischen Abzug hat! – Aber wir, die wir in unseren Luftgebilden leben, fast mehr als in der Wirklichkeit, haben gut reden denen gegenüber, welche beim Annähen eines Knopfes mit ihren Gedanken weit über den Knopf hinaus zu denken genöthigt sind, wenn überhaupt Gedanken im Kopfe sind! – Doch [Sie] kennen das Alles, leider u glücklicherweise!, besser als ich! –
– Es hat mir Freude gemacht für Sie ein paar Photographien auf Frl Leser’s Wunsch auszusuchen. Ich bin begierig zu hören, ob Sie Ihnen gefallen haben. Die Bilder müssen vortrefflich gemacht sein, wie überhaupt die Franzosen in der Arbeit unermüdlich u unerschöpflich sind, ein jeder Richtung. In dieser tritt es als harmonisches Ganzes heraus (wie mir scheint!) sobald eine idealere Vorstellung geschaffen werden soll, mangelt es am Besten; (wie mir scheint!) Ist’s in französischer Musik nicht auch so – vielleicht noch mehr sogar? Doch nun haben Sie genug Zeit auf mich verwendet! Nehmen Sie zum Schluß noch Lida’s u meine herzlichsten Grüße u Wünsche für das kommende Jahr, u für alle folgenden, für sich u die Ihrigen, namentlich für meine liebe Marie u Eugenie u halten Sie sich wohlauf u tapfer, wie auch wir es thun wollen mit Gottes Hülfe! Ihr
ganz ergebener E Bendemann.

Von unsern andern Kindern haben wir gute Nachrichten – Felix wird wohl, auf ein paar Tage nur, zu uns kommen können. –

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 235-238
 



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