19.12.2019

Briefe



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ID: 17953 Brieftext


Geschrieben am: Montag 12.03.1877
 

Düsseldorf 12t März 1877
Liebste theure Clara
Viel herzlichsten Dank für die große Freude die Sie mir durch Ihren ausführlichen, u so wohlthuenden Brief heut vor 8 Tagen machten! Möchten Sie nur so wohl ferner bleiben, u immer mehr Alle die Sie hören u auch sonst genießen können begeistern u erwärmen. Es ist doch ein seltener u köstlicher Trost in der schönsten Kunst sichtlich seine Mitmenschen so wahrhaft zu erheben; u wird Ihnen noch lange die Kraft dazu bleiben, das ist so mein sichres Hoffen dem ich mich gern im stillen u warmen Gedenken an sie hingebe. – Wie öde u traurig es ohne die treuste Freundin ist begreife ich nur zu gut; u doch müssen Sie den Brüdern nur immer vorstellen welches Glück der sanfte u schnelle Tod war, grade auch wo die liebenswürdige edle Schwester im Gedenken von Wiedersehen mit Ihnen sich noch im Geiste erquickend beschäftigte u ein schlimmeres Krankenlager ihr erspart blieb! – Durch unsre liebe Frau Jacobson hörte ich auch wieder „wie wundervoll Mad. Schumann spielte u wie schön sie im schwarzen Sammet aussah“ – das schrieb die Schwester die in London lebt u sehr musikalisch ist. Bleiben Sie nur bei dem möglichst ruhigen Leben, das ist gewiß das richtige, um die Kräfte u Nerven nicht zu überreizen, wenn es auch gewiß andrerseits schwer ist allen freundlichen u lockenden Einladungen zu entsagen! – Wir bleiben ruhig hier liebste Clara u freuen uns von ganzem Herzen wenn Sie nach dem Osterfeste mit der theuren Marie wieder einige Zeit hier bleiben können. Mein Mann ist ganz munter, aber ohne Stimme. Die rauhe, u früher so naße Luft verhinderten immer die Erfrischung u Stärkung durch gesunde Bewegung, u so muß man Geduld haben. Da er fleißig arbeiten kann, ist er auch meist heiter u zufrieden wie Sie wissen, u stärkt mich durch richtige Ergebung u Muth wenn die Sorge um den armen Ernst mich oft so tief schmerzt! – Sein Husten u sein kurzer Athem wurden in San Remo nicht besser; u so weiß ich wohl, daß seine Genesung nur durch ein Wunder möglich wäre. Zum Glück haben er u seine Wine immer die beste Hoffnung, u so muß es ja auch sein. Von Ihren fernen Kindern hörten wir nichts – möchten doch Eugenie u Felix sich besser befinden. Vielleicht geht Ernst im nächsten Monat auch nach Meran, wo es doch besser sein soll als an den ital. Seen! – Gestern war Ihrer geliebten Julie Geburtstag! So viele trübe u auch schöne Erinnerungen knüpfen sich an solche Tage! – Frl. Leser ist ganz munter, feierte gestern noch den Geburtstag der Elise Jungé bei sich, u ist diese nun heute fort. Also jetzt geht erst die etwas schwerere Eingewöhnung mit der Frl. B. allein an, die gewiß in Vielem auch unreif ist, äußerlich u innerlich; aber mit gutem Willen u wirklicher Hingabe in Frl. Leser’s Wünsche wird es gewiß nach u nach gut gehen! – Sie ist ein natürliches bescheidenes u nettes Mädchen mit offenen treuen Augen, in die ich viel lieber kucke als in die unruhigen u düstren der F. – Frl. Schönerstedt war vorgestern Abend bei uns, auch ganz wohlauf, aber doch abgearbeitet, u das thut gewiß nicht gut ihren Stunden bei Kindern die sie fördern soll! – Heut spielt Hiller hier im Concert von H. Ratzenberger mit diesem ein Duo von sich, u dann auch das schöne von Schumann! – Da gehe ich denn mit Otto natürlich hin. Der schlaue Ratzenberger bekehrt Alle her zu kommen, wenn er Concert giebt, weil er ihre neusten Compositionen aufführt. Nach Brahms wird nun immer gefragt, aber Bestimmtes weiß Niemand. Tausch führte den Paulus auf, die Chöre sehr gut; u es war enorm voll! – Er hat hier im Kaufmannstande u unter den kleinen Beamten sehr viele Anhänger, u auch von außerhalb kamen Viele! – Fr. Matthes ist in Bremen, kommt aber in 3 W. wieder, u hofft also Sie nicht zu verfehlen! – Nun ade – Gott mit Ihnen u uns. Ihre treuste
Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 239ff.
 



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