19.12.2019

Briefe



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ID: 17955 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 13.06.1877
 

Düsseldorf d. 13t Juni 1877
Theure geliebte Clara!
Wie rührend gut ist es von Ihnen mir doch selbst noch von des armen Marmorito neuem großem Kummer zu schreiben! Frl. Leser kam gestern Abend gleich mit dem Brief her, u wir waren wirklich ganz erschüttert! – Wie schwer wird der arme Mann geprüft, u wie kann man nur wünschen, daß er sich die Kraft erringt in um so größerer Liebe seinen 3 andern Kindern zu leben, die er vielleicht bisher weniger warm an sich zog als den süßen Ed[u]ardo! Es ist zu oft so in diesem irdischen Leben, daß die schönst begabten Seelen jung oder als Kinder wieder heim geführt werden in bessere Welten! Wir können nichts thun als still erdulden u in Liebe u bestem Streben weiter wandern, um doch den Unsrigen u dem großen Ganzen zu nützen u wohl zu thun! –
– Schon hofften wir daß es Frau Joachim besser ginge, weil Sie neulich auf einer Karte an Frl. L. nichts von ihr erwähnten! Nun klingen Ihre Worte gestern doch noch sehr besorglich – eine Gürtelrose ist immer ein ernstes Leiden und besonders wenn es im Wochenbett u mit Fieber so heftig auftritt. Sehr dankbar würden wir Marie oder Eugenie sein wenn Eine nur in kargen Worten an Frl. Leser nochmals Nachricht gäbe, wenn Sie noch Näheres vom armen Marmorito hören u eben auch, wie es bei Joachim’s geht? – Gedeiht denn das Kindchen? u hat es eine Amme? –
Von unserm Ernst kamen befriedigende Nachricht [sic]; er muß natürlich in der Hitze ganz still leben, u überhaupt ja ganz vorsichtig sein wie ein Reconvalescent nach schwerer Krankheit. Aber zum Glück fand er dort in der Wirthschaft Alles in Ordnung; die Erndte Aussichten ziemlich gut; u der alte Inspektor bewährt sich als treuer Stellvertreter u tüchtiger erfahrener Landwirth. Prof. Leyden war ganz einverstanden, daß E. die Sommermonate zu Haus ist; u wenn auch nur für die Schreibereien u Rechnereien, so doch durch leichte Beschäftigung Befriedigung hat u selbst von Allem Einsicht nimmt. Im Ockt. muß E. aber nochmal an die Riviera. So gebe Gott ihm allmählige Kräftigung u Heilung, u schenke Allen Leidenden Geduld u Hoffnung auf bessere Zeiten! – Noch immer ist mein Mann ohne Stimme, u ich weiß wirklich nicht ob ich ihm zureden müßte jetzt bald Waldluft oder Seeluft zu versuchen! Zuerst will er diesen Monat seine Penelope beendigen u bat mich ihn so lange in Ruhe zu lassen! Er ist auch sonst ganz wohl u sieht farbig u gut aus. Wir waren 2 Tage in Ems, um Bendemann’s a. B. zu besuchen – aber auch dieser Luftwechsel änderte nichts. Mad. Jacobson rechnet schon Mitte Juli fest auf unsern Besuch in Scheveningen, u wollen wir da auch auf 10–14 Tage hin, um zu versuchen wie es thut. So hoffe ich, daß wenn Sie liebste Clara nicht später im Juli kommen, wir uns doch hier sehen u Sie bei uns schlafen. Ich denke Sie bleiben nicht länger als 3 Wochen in Kiel, u so würde es vielleicht gerade passen, daß Sie d. 14t, 15, 16t Juli hier wären u wir dann erst d. 17t nach Scheveningen reisten! Natürlich sage ich nichts an Frl. L. u wir correspondiren ja dann doch um das Nähere! – Gehen Sie allein n. Kiel? wo wohnen Sie? Unser Felix ist jetzt schon mit der „Niobe“ u allen neuen Kadetten in Norwegen u kommt erst Anfang Sept. zurück. Helene zieht z. 12. Juli nach Labö, um mit ihren 2 Jüngelchen’s in guter Luft 2 Monate zu bleiben! Hoffentlich kann sie Sie vorher nochmal sehen! – Wir mag es Ihrem guten Ferdinand u den Seinen gehen? – Sorgen Sie um Ihren F. nicht zu viel; er ist ein verwöhnter Jüngling, der die Wahrheit nicht gern hört; später wird er schon noch der Mutter treue Liebe besser verstehen! – Mein Mann grüßt Sie u die Töchter innigst mit mir! Mit herzlichem Kuß Ihre L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 244ff.
 



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