19.12.2019

Briefe



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ID: 17958 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 14.08.1870
 

Düsseldorf den 14t Aug. 70.
In dieser großen u ernsten Zeit fliegen die Tage u Stunden noch rascher dahin als sonst meine theure Clara u so kann ich es kaum glauben, daß ich Ihre lieben wohlthuenden Worte schon 3 Wochen habe! Tausend Dank dafür, u tausend innige Wünsche für Sie u Alle Kinder! Wir sind sehr begierig, ob Sie im stillen Lichtenthal doch auch Verwundete u Gefangene gesehen, u am Ende zu pflegen haben; u hoffen sicher daß Herr Brahms glücklich eintraf um Ihnen mit Rath u Hülfe beizustehen. – Leider sind die Briefe sehr lange unterwegs – Jeder muß sich gedulden selten von Allen Lieben zu hören, wie man denn überhaupt Geduld u Fügung in Gottes unerforschlichen Willen mehr u mehr zu erringen sucht. – Meine besondere Sehnsucht ist nach Nachricht von unserm Felix gerichtet, dessen letzter Brief am 23t Mai geschrieben war, mit hin wissen wir bald 3 Monat nichts von ihm u das ist mir fast am härtesten. Revolutionären u kriegerischen Zuständen u dem schlechten erschlaffenden Klima war er in den westindischen Häfen ja immer ausgesetzt u Gott weiß es allein, ob er noch gesund geblieben. Seit der Kriegserklärung Frankreich’s an Preußen haben sie vor Gefangennehmung durch franz. Schiffe sich zu hüten gehabt – u sind also auch dadurch in fatalster Lage! – Ja Liebe, Gute, wie schändlich, wie eitel u hochmüthig haben diese Frz. sich gegen uns gezeigt u wie herrlich ist es aber auch, daß ganz Deutschland sofort einig u muthig sich dem Übermuth entgegen warf, u hoffentlich aus allem Elend Wahrheit u Klarheit u alle besseren Gefühle u Bestrebungen bei uns um so schöner erstehen! – Von unserm ältesten Sohne haben wir bis jetzt gute Nachrichten. Fried schickte eine Correspondenzkarte aus dem Biwak an der franz. Grenze vom 9t; nun sind sie mit ihren Ponton-Colonnen längst in Frankreich! – Ernst ist als Husar oben auf Alsen bei Sonderburg u muß mit seinen Wachen nach den franz. Schiffen spähen. Er steckt da sehr einsam u bei sehr dänisch gesinnten Leuten, was Beides nicht angenehm – aber schließlich scheint uns seine Lage nicht gefährlich u so sind wir ganz dankbar. Wir schicken ihm Zeitungen, damit er doch von Allen Siegen u Ereignißen lesen kann. Furchtbar hart sind einzelne Familien schon betroffen worden u am schwersten wohl unsere arme Fr. Wiegmann deren einziger Sohn am 7t bei Saarbrücken als die Spicherer Berge erstürmt wurden von einer Kugel durchs Herz getroffen, sofort todt blieb. – Die arme Mutter war den ersten Tag außer sich u die arme Schwester ganz erstarrt; aber Gott stärkt sie wunderbar u gestern waren Beide schon in einem Lazareth mit thätig! – Denn das allgemeine u viele Leid läßt sie doch das eigene eher tragen. Auch der Herr Bloem verlor einen Sohn u so Viele. Ach! könnte doch der grausige Krieg bald vorbei sein! – Mein Mann grüßt Sie u die Kinder innigst mit mir; er geht eben in’s [evang.] Krankenhaus wo doch auch über 80 Verwundete sind – auch Franzosen, die ja ebenso sorgsam wie die Deutschen gepflegt werden! – Bei Marie geht es auch gut; da sie noch die Kleine nährt, darf sie natürlich nicht zu den Verwundeten gehen – aber ihr Mann thut es – die Advokaten haben jetzt sonst doch keine Arbeit. –
Elisen’s Brief las ich mit großem Interesse; ich denke sie bleibt bei Julie bis der Krieg vorbei, denn für Damen soll jetzt das Reisen nicht gehen.
Wie es Ferdinand beim Exerc. ergeht schreiben Sie gewiß an Frl. Leser, die natürlich, wie auch ich, immer sehnsüchtig nach Nachricht von Ihnen ausschaut. – Sie sorgen schon für die neue Wohnung u das ist ganz gut, dadurch ängstigen sie sich nicht so viel um den Krieg u ich hoffe, sie wird ihnen recht bequem sein.
Nun ade geliebte Clara; unsre Gedanken finden sich oft in treuer Liebe u das ist beste Herzstärkung!
Immer Ihre treuste Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 159ff.
 



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