19.12.2019

Briefe



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ID: 17960 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 03.09.1870
 

Düsseldorf den 3t Sept. 70.
Mit der herrlichen Nachricht unsrer Siege bei Sedan u Metz u daß Napoleón sich unserm König selbst übergeben, die uns heut Morgen von 10 U. an mit allem Läuten u Schießen u Jubeln ganz einnahm, kommt nun zugleich die köstlich frohe Kunde daß Sie das erste Enkel glücklich bekommen theure geliebte Clara! – Tausend innige Wünsche Ihnen, den neuen Tanten u Julien zum besten Gedeihen des Neugeborenen! Und wie wird sich mit Recht Marmorito freuen daß es ein Sohn ist u daß seine Julie die schwere Stunde überstanden! Wenn nur eine erfahrene u verständige Wartefrau bei ihr ist, denn grade bei der Pflege beim Nähren u. s. w. kann leicht viel verfehlt werden! – Um Ihren Ferdinand sorgen Sie nun nicht mehr; wenn er auch im Elsaß oder Lothringen mit zur Besatzung dienen muß, so wird ja doch hoffentlich das Schreckliche des Krieges nun vorbei sein. Und oft bekommt ja den jungen Leuten das Leben im Freien u die viele körperliche Bewegung so sehr gut; sie kräftigen sich dabei meist außerordentlich . – Hat er einen guten Bekannten mit dabei? Fast sollte ich es denken, da so viele junge Leute noch mit eintraten! – Sie wissen doch daß nun die Briefe an Ferdinand nichts kosten, man schreibt „Feldpost“ darauf! – Wie unsre Söhne u Franz Hübner u noch Andere nächste Freunde gnädig behütet blieben schrieb Ihnen schon Frl. Leser! Unser ältester Sohn war so gar in langer Unthätigkeit, zu seinem größten Kummer; aber er führte eine große Ponton-Colonne, die zum 1t Armee-Corps gehört u mußte damit langsam in öden Gegenden Wochenlang biwaciren in schrecklichster Näße u. s. w. Grade v. 29t schreibt er uns aus Rugy gestern nördlich v. Metz, 1 Meile; wo sie in stärkstem Marsch v. Remilly in einer Nacht hineilen mußten u eine Brücke bauten. Möglich daß sie nun bei Bazaine’s letztem Ausfall mit im Feuer waren – aber ich glaube es kaum; jedenfalls war er nun ganz in der Thätigkeit. Die gewöhnlichen Strapazen rechnet er als ächter Soldat garnicht! –
Gott gebe, daß Alle gesund heimkehren u Frankreich u die Franzosen nun Mal ernstere Begriffe von Wahrheit u Recht, von Mitgefühl u Tugend im edelsten u wirklich christlichen Sinn bekommen. Diese durch u durch verderbte Nation ist zu beklagen, u doch habe ich kein Mitleid mit ihnen, denn warum haben
sich [nicht] die Besseren unter ihnen gegen allen Leichtsinn u Lüge früher erhoben? – Tausend innigen Dank nun aber auch für Ihre lieben Zeilen nach meinem Geburtstag! Ich bewundre immer, wie Sie an Alles denken, das wissen Sie ja! – Die Wiegmann war auch sehr gerührt durch Ihren Brief! die arme Tiefgebeugte sehe ich oft; sie trägt das große Unglück schön u wenn auch oft heiße Sehnsucht sie peinigt, so findet sie in tiefem Gottvertrauen u im Lesen ernster u schön poetischer Sachen doch immer wieder Trost u Ruhe. Sie hat einen schönen edlen Charakter, u ein warmes Gefühl auch für Andere; auch der Dank fehlt ihr nicht für das Gute, was sie gehabt. – Frl. Leser war hier; sie schreibt selbst u denkt heut in der neuen Wohnung zu schlafen; möchten die beiden lieben Wesen recht gesund u glücklich in der neuen Wohnung sein! – Marie schreibt direkt an Julie; sie gratulirt mit mir auch Ihrer Marie auf’s Treuste u Beste! Viele Verwundete u Kranke giebt es hier u viel Kummer ist bei vielen Freunden – mir geht es wie Ihnen, oft meint man garnicht Alles fassen zu können!
Aber wunderbar schön führte Gott unsre Armeen immer zum Siege, u so viel Jugend wir auch verloren, fest darf man hoffen daß Bestes u Höchstes für Deutschland daraus empor sprosst!
Mein Mann grüßt u gratulirt auf’s Herzlichste! – Unser Felix schrieb v. 6t Aug. wo sie eben vom Kriege hörten u sich nun als einzelnes kleines Schiff vor der franz. Flotte verkriechen mußten!
Doch ade! Ich muß noch viel schreiben! In alter innigster Liebe
Ihre Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 161-164
 



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