19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 17961 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 11.09.1870
 

Düsseldorf den 11t Sept. 70.
In dieser großen u ernsten Zeit scheint es mir als erwünschte u hoffte man für Alle die man liebt noch wärmer, noch tiefer Gutes u Bestes u Schutz vor Allem Leid; – u so möchte ich Ihnen theure geliebte Clara auch so recht innig sagen können, wie sehr ich zu Ihrem Geburtstag für Sie u die Ihren, wenn es möglich, das Allerbeste erflehe! – Freilich, wir armen Menschenkinder wissen ja kaum was uns immer zum Besten gereicht; wie oft wird uns scheinbar nicht Gutes, nachher doch zum Guten u so umgekehrt; – u so kann man wohl, je älter man wird, nur hoffen, daß man auch immer muthiger u kräftiger, so Leid wie Freud erfaßt im vollsten Gefühl, daß uns Alles zum Guten gereichen muß! – Hoffen wir denn beste Clara frischen Muthes, daß Julie u ihr kleiner Liebling auf’s Schönste gedeihen u gesunden, daß Ferdinand aus seinen kriegerischen Erfahrungen nur Vortheil in vieler Beziehung für seine ganze Entwicklung schöpft u daß Sie vom Leben Ihrer theuren Kinder mehr u mehr wohltuende Eindrücke haben u die schweren immer ruhiger tragen können! – Der arme Ludwig könnte doch unmöglich jetzt in der Familie sein, u so sorgen Sie sich nicht zuviel um ihn; gewiß ist solch’ Kranksein mit das Härteste was uns betreffen kann u ich fühle ganz mit Ihnen, wie Sie als Mutter oft danach schmachten ihm noch Liebes u Gutes zu erweisen! Aber da Sie durch den Arzt wissen, daß der Arme ganz verwirrt ist, so muß er doch eben unter steter männlicher Aufsicht u Pflege sein – u also ist solche Anstalt der einzige Aufenthalt für ihn! – Für Ihre Grüße tausend Dank. Frl. Leser theilte mir gestern Ihren Brief mit, u war bedrückt im Gefühl vorläufig bei sich Niemand aufnehmen zu können. Aber Frl. Jungé ist zu angegriffen von der ganzen unruhigen Zeit mit den Wohnungsgeschichten u muß wohl überhaupt Mal so wirkliche rechte Ruhe haben. Doch kann das ja nie sein, da sie doch Frl. Leser immer als treue Pflegerin versorgt u darin auch das Glück ihres ganzen Lebens findet! – Die Wohnung ist sehr gut, u wir Alle für Frl. Jungé so besonders froh, daß sie keinen kalten Flur zu passieren hat. Wahrscheinlich müßen sie nun doch auch nach einem andern Mädchen suchen, da Gretchen wieder oft elend war u seit 8 Tagen mit verbranntem Arm u Fuß fast garnichts thun kann! – Genug, mir scheint es ganz nöthig, daß die beiden armen lieben alten Damen erst nach u nach sich wieder behaglicher mit neuem gesunden Mädchen einrichten! Aber diese zu finden ist schwer! – Gern würde ich nun sagen geliebte Clara, kommen Sie zu uns, aber, wenn es irgend geht müssen wir Ende d. M. nach Berlin; wir sehnen uns wirklich auch nach dem Wiedersehen mit den Geschwistern, die immer in großer Sorge um Schwiegersöhne u Sohn lebten – doch Gottlob, jetzt wieder von ihnen Gutes hörten! – Franz Hübner bekam sogar das eiserne Kreuz, weil er sich so sehr am 18t auszeichnete u enormen Muth gehabt hat; alle Offiz. seiner Compagnie fielen u er allein führte sie zuletzt; er ist beim 60t Regiment, 3t Armee-Corps (Brandenburg)[.] Auch von Fried haben wir wieder gute Nachricht; er baute eine Brücke 1 Meile nördlich von Metz, über die viele Truppen am 1t Sept. zogen! – Aber von vielen Freunden hörten wir viel Trauer u Jammer! – Mein 2t Neffe, Richard Schadow, wird eingesegnet u dazu wäre ich sehr gern in Berlin! – Wollen sehen, Pläne kann man eigentlich jetzt garnicht machen! Jeder Tag kann so Unvermuthetes bringen! – Aber wenn wir reisen, müssen einige nöthige Risse u schadhafte Plafonds gemacht werden u so würde ich, wie ich jetzt absehen kann, aber doch Ende Ockt. wieder hier sein! – Sollten Sie dann mit Marie einige Wochen bei uns sein können, so wissen Sie Liebe, Gute, wie gern wir Sie bei uns haben u wie gern wir Ihnen öfter hilfreich wären, brächte das Leben nicht durch Kinder u Nächste Lieben so Manches, wodurch man nicht nun ganz frei über Zeit u Alles sonst disponiren kann! – Mein Mann grüßt u gratulirt auf’s Herzlichste mit mir; er kommt eben vom Rhein, wo immer Schiffe mit Verwundeten bis heut ankommen; nun hört das auf u er geht eben in eine Conferenz wegen der Gelder, die man braucht, um an den Bahnhöfen Beschriftungen zu geben. – So ist das Leben jetzt sehr unruhig u Sie müssen mein Schreiben mit alter liebevoller Nachsicht nehmen – Ed. Hübner ist auch hier u geht mit andern Herren u warmen Sachen nach dem Kriegsschauplatz.
Marie u die Kinder sind gesund! –
Immer Ihre getreuste Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 164-167
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.