23.11.2019

Briefe



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ID: 17964 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 18.10.1878
 

Düsseldorf 18 Oct. 1878
Liebe theure Freundin!
Nehmen Sie einen herzlichen Gruß u meine besten Glückwünsche zu der schönen Feier, welche Sie begehen! Freilich hat das Vaterland u wir Einzelnen uns ebenso zu beglückwünschen, daß Sie ein halbes Jahrhundert lang in ungeschwächter Kraft Ihre Kunst ausüben konnten u – ohne der Malerei zu nahe zu wollen – welche Kunst! Schiller sagt von ihr „ – die Seelen lauscht nur Polyhymnia aus“, und wenn dies Wort stets für wahr u richtig galt, so ist es doch [nie] klarer als durch Ihr Spiel gemacht worden – dafür haben Sie nur allein den Glückwunsch u den Dank in Empfang zu nehmen. Vielleicht außerdem noch Ihr theurer unvergeßlicher Mann! Daß wir bis zu einem hohen Grade auch sonst die Seelen auslauschen konnten, wir u Sie, das rechnen wir uns zu hohem Glück, welches unvergänglich ist. Und daß wir das konnten auch dafür Ihnen herzlichsten Dank! Sind es doch 40 Jahre, dß wir uns kennen.
Ihr Lorbeerkranz ist mit Dornen durchflochten sagt einer Ihrer Bekannten. Ja theure Freundin was haben Sie in der langen Zeit Ihres künstlerisch ungetrübten Wirkens für Kummer u Schmerzen durchleben müssen! Was haben Sie jetzt zu dulden!
Es schmerzt uns tief, dß Sie gerade jetzt so große Sorgen haben müssen. Wie wünschten wir, daß Sie das schöne Fest ganz ungetrübt feiern könnten! Sie sind von dieser unserer Theilnahme überzeugt u doch kann ich es nicht unterlassen mein Betrübniß auszusprechen. Vielleicht sollte ich bei so freudiger u feierlicher Gelegenheit lieber davon schweigen; aber es wollte nicht angehen – Sie haben die Kraft erhalten Ihre Seele zu theilen und es geht ja bis zu einem gewissen Grade u nach ihrem Maaße wohl einer jeden Künstlerseele so. So hoffe ich denn daß Sie trotz des schweren Herzens das schöne Fest doch voll u ganz genießen werden!
Und thuen Sie das liebe Freundin. Nehmen Sie den vollen Kranz, den Sie sich redlich verdient – nein, nicht so philisterhaft – den Sie sich mit starker Hand errungen haben, freudig u mit gerechten Stolze aus den Händen der Künstler, hinter welchen das ganze Vaterland, u mehr, steht.
Ich kann dabei einen Spruch nicht los werden, der vieldeutig u tiefsinnig ist u ich werde ihn los indem ich ihn niederschreibe, daß nämlich die Leiden dieser Welt nicht werth sind, der Herrlichkeit die an uns offenbart werden soll.
Ich meine eine Künstlerseele wie Sie hätte bereits etwas von dieser Herrlichkeit an sich.
Und somit leben Sie wohl. Sprechen Sie Ihren Kindern u namentlich meiner lieben Marie (, die Andern sollen mir [nicht] böse sein, wenn ich mich besonders an diese richte!) meine besten Glückwünsche aus und denken Sie daß wir an dem Festtage im Geiste bei Ihnen sein werden.
Ihr
treu ergebener
E Bendemann.

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 258ff.
 

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