15.07.2019

Briefe



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ID: 17966 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 01.01.1879
 

Ddf 1 Jan. 79
Liebe Freundin!
Ihre Sendung habe ich richtig erhalten u. danke Ihnen bestens dafür. Die Essay’s von M. Müller werde ich gern einige Zeit behalten. Denn freilich, das ist eine schwere Speise, die man immer nur in kleinen Portionen genießen kann, mit dem Zweifel ob man[sie]wirklich auch dann noch verdauen kann!
Und nun vor Allem meine besten Wünsche für das neue Jahr, in welchen Sie uns in Ihrer alten Liebe zuvorgekommen sind. Möge es Ihnen neben so vielem Guten u Schönen auch nicht zu viel Schweres u Betrübendes bringen! Leider lauten Ihre Nachrichten über den armen Felix recht betrübend! Und wir wissen nur zu genau was Sie u. Ihre lieben Töchter dabei zu leiden haben! Und dß bei solchen Gelegenheiten kein Freund eine Erleichterung u Hülfe zu schaffen im Stande ist! Herzlich freuen wir uns über Ihre große Thätigkeit u haben an dem öffentlichen Enthousi[a]smus bei Ihrer goldenen Hochzeit mit dem Pianoforte den lebhaftesten Antheil genommen, sogar etwas Stolz verspürt, daß wir den bei weiten größten Theil dieser Zeit Ihnen nahe stehen durften. Nun wollen wir einmal sehen, wie lange wir noch zuschauen dürfen! Bei uns steht Alles soweit beim Alten. Unsere Schwiegertochter mit ihren 2 Jungen im Hause, geht es unruhiger u bunter zu als sonst aber es ist eine Freude für uns. Und wenn nun die andern 4 Enke dazu kommen, so ist das Durcheinander um so heiterer, wenn auch dunkle Punkte genug dabei im Hintergrund stehen. Was meine Frau Alles leistet, das geht oft über meinen Grips – aber sie ist frisch u unermüdlich. Ich kann sie leider nur zu wenig unterstützen mit dem Wort – höchstens kann ich einmal mit der Hand oder dem Stab nachhelfen. Und nun denken Sie habe ich mir mit einer ganz unbedeutenden kleinen Beschädigung an der linken Hand auch das Eingreifen mit beiden Händen zerstört, was doch beim Kindererziehen u beim Arbeiten schwer zu ersetzen ist. So muß ich versuchen nur auf einer Seite zu spielen, wobei ich erkenne wie schwer das ist u Paganini usw. bis auf Sarrasate usw. herab um so mehr bewundere. Ich führe eigentlich ein schlechtes Leben seit ein paar Tagen, um so schlechter als es auch meinen Hausbewohnern zur Last fällt u mir auch [wie] Sie sehen können, das Schreiben etwas erschwert, wenn die Linke nicht weiß was die Rechte thut. Was wird denn aus Einem, wenn man zu der Ueberzeugung kommen muß, daß man sich nicht mehr beschäftigen kann? „Dann beschäftigt man sich mit Wiederkäuen worin das Rindvieh uns schon lange voraus ist“ sagt eine innere Stimme.
Nun hoffentlich ists noch lange Zeit bis zu dieser Verwandlung!
Verzeihen Sie dies Geschwätz u seien Sie herzlichst gegrüßt, ebenso wie Ihre Kinder!
Ihr
EB.

Sollten Sie in Betreff der Auszahlungen aus Godesberg mir etwas mitzutheilen haben, so verschweigen Sie es mir nicht!

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 260ff.
 



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