19.12.2019

Briefe



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ID: 17967 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 17.11.1870
 

Düsseldorf den 17t Nov. 1870.
Endlich muß ich es Ihnen Mal wieder sagen geliebte theure Clara, wie viel unsre Gedanken u Wünsche mit Ihnen u Ihren Kindern sind! – Gott gebe, daß Sie von Ferdinand neuste beste Kunde haben; bei Frl. Leser hörte ich vor 8 Tagen nur durch Ihrer Elise Brief, daß seit dem 15t Ockt. keine Nachricht von ihm gekommen, u so ist man immer in Sorge um Kinder u Freunde die der schlimme Krieg so hinausgetrieben! – – Innigsten Dank aber vor Allem noch für Ihren letzten lieben Brief aus Baden, der mir so rechte Herzstärkung war; er kam gerade kurz vor unsrer Abreise nach Berlin, u seitdem ist mir durch die Aufenthalte bei den Geschwistern, durch Unwohlsein u durch so verschiedene Pflichten u Thätigkeiten hier wieder die Zeit so dahin geflogen, daß ich kaum glauben kann es sei Mitte November! – Ach! könnten wir treulich beisammen sitzen u über Alles sprechen, was die Herzen bewegt! Mir wird in dieser Zeit das Schreiben schwerer denn je! – Wie erschütternd ist Ihres armen, armen Ludwig Leiden, u wie unbegreiflich u unerforschlich sind Gottes Fügungen an uns arme Menschenkinder! – Solche arme junge Seele muß so voll Angst u Pein in schrecklichsten Gedanken u Gefühlen seine Tage verbringen! – Und doch – laßen Sie uns festhalten an dem einzig erhebenden u erstarkenden Gefühl daß Alles gut sein muß, was da geschickt wird, u daß was in rechter Weise u edelstem Streben gethan, u getragen wird auch zu höheren Zielen die Seelen führt! – daß es Julien gut geht mit dem lieben kleinen Eduardo ist beste Freude für Sie u freute auch uns sehr zu hören; ebenso daß Elise so schön u ernst ihrer Thätigkeit in Frankfurt lebt – sie schrieb ganz prächtig an Frl. Leser! – Ihr guter Felix hat Sie hoffentlich mit so frischem Aussehen in Berlin empfangen, als er es damals < [es] > hatte wie ich dort war, u so hoffe ich, daß alle Freude an den andern Kindern das Leid um den armen Ludwig recht mildert. – Grade schreibt mir eben meine Schwägerin Hübner, daß Sie wohl nochmal n. Dresden kommen, um einem talentvollen Kinde hülfreich zu sein! Sie Gute, Liebe, helfen u sorgen für so Viele! – Wie ich es bedauert, daß wir nicht eine Woche später in Leipzig waren, um Sie zu sehen u zu hören, können Sie denken! – aber so geht es ja so oft im Leben – das Wiedersehen u Treffen mit geliebten Menschen gelingt selten so oft als das Herz es wünscht; u auch darin muß man, wie in vielen Dingen, genügsam werden. – Mein Mann grüßt Sie u Marie innigst mit mir; er ist durch die naßkalte Witterung wohl etwas erkältet – aber doch bei guter Stimme, thätig im Atelier, u oft auch auf den Beinen, um den verhungerten u zerlumpten Franzosen, deren wir hier sehr Viele haben, oder unsern armen kranken u verwundeten Soldaten hülfreich zu sein! – Jeder giebt u thut so viel er kann; – fast sind alle Läden mit warmen Socken, Hemden u Jacken schon ausverkauft. – Für Rudolf beschaffte ich auch eben warme Sachen, denn wahrscheinlich wird er in nächster Zeit nach seinem Regiment nach Frankreich nachgeschickt! – Von Felix wissen wir seit dem 24t Sept. wieder nichts; da saßen sie still auf Key West in der Florida-Straße, einer nordamerikanischen Telegraphen-Station, die wenigstens direkte Nachrichten v. Europa bekam, u wo ihnen kein franz. Schiff etwas anthun konnte. – Aber Briefe von uns hatte er seit Juli nicht mehr erhalten u schmachtete sehr danach. – Unser ältester Sohn war bis z. 4t Nov. noch bei Metz mit seiner Ponton-Brücke beschäfftigt u wußte noch nicht wohin man ihn schicken würde; Gottlob blieb er gesund bis dahin – ebenso Ernst, der immer noch zum Wachdienst auf der Insel Alsen sitzt. Noch muß ich Ihnen sagen, wie sehr Frl. Leser nach Nachricht von Ihnen schmachtet! Ich war gestern Abend ein Stündchen bei den lieben beiden Damchens, u da meinten sie, wie doch die Pause noch nie so groß gewesen, seit sie Ihre letzten Zeilen bekommen. Natürlich hatten sie sich mit Marie’s Zeilen aus Leipzig sehr gefreut, u haben das ja gewiß längst selbst geschrieben; – aber Sie wissen ja, wie innig u treu Frl. Leser u Jungé an Ihnen u Ihren Kindern hängen, u wie Alles was von Ihnen kommt immer ein Lichtstrahl in das Leben der beiden Einsamen bringt! – Frl. Jungé ist jetzt doch wieder etwas kräftiger, die Wohnung warm u bequem, u wenn sie erst einen soliden Herrn für die überflüßige Stube gefunden haben, werden sie glaube ich, ganz beruhigt sein. – Ich bedaure jetzt sehr keine Berliner Zeitung zu haben, denn da würde ich sehen können, ob Sie dort nun wirklich das Concert mit Joachim’s für die Invaliden-Stift. geben u was sonst Musikalisches geschieht. – Meine Schwägerin Eug. Schadow ist leider seit 5 Wochen ganz durch schwere Krankheit ihres 2t Sohnes an’s Haus gefesselt; sonst würde ich gewiß durch diese von Ihnen gehört haben, denn sie ist musikalisch u verkehrt auch mit Mendelssohn’s. – Aber die gute liebe Frau hatte schwere Wochen, sie pflegte Tag u Nacht allein – doch Gottlob nun geht es besser! – Minna [Meyer] kam auch krank nach Berlin zurück u ich weiß nicht, ob sie jetzt schon aus kann. – Unsre Geschwister Bendemann leben ganz in der Familie, haben 2 Töchter mit Kindern im Haus, deren Männer im Kriege; u dann ihren jüngsten Sohn auch schon bei Orléans im Kampf gehabt u so kaum für Andres Sinn! – Ja, ja, es ist eine furchtbare Zeit für die meisten Menschen, u Alles bittet wohl für baldigen glücklichen Frieden! –
Sein Sie nicht bös, wenn Sie nun doch so viel zu lesen haben u zerreißen Sie gleich das Geschreibsel! – Marie, Eugenie u Felix viele viele Grüße u nochmal innigste Wünsche für Alles Gute! – Unsrer Marie u den Ihren geht es gut.
Ade, ade – in treuster Liebe Ihre alte Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 167-170
 



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