19.12.2019

Briefe



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ID: 17969 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 27.05.1879
 

Berlin den 27t Mai 79
Theuerste Clara!
Da mein Mann u Hübner Ihnen gleich vorige Woche schrieben, tröstete ich mich bis heut einen Brief an Sie nicht zu Stande zu bringen! Es war nur in Loschwitz unmöglich – denn durch alle Verwandten, alle alten Freunde, u doch auch öfteres Hineinfahren nach Dresden, um Kunst u Manches zu genießen, schwanden die Tage in Blitzeleile [sic]! – Viel innigsten Dank nun aber für Ihre Worte die uns gleich am 19t Abends in Loschwitz begrüßten – u wie erfreute u erbaute Alle Ihr schöner Marsch am goldenen Hochzeits-Morgen! – Das Duett Ihres Mannes kannten Hübner’s sehr gut, u so begreifen Sie wie das Ganze in gerührtem Dank u erhebenster Freude gehört wurde! – Es war ein selten ungetrübtes Fest u das goldene Paar so jugendlich frisch, meiner Schwägerin Kopf besonders so selten anziehend durch die grauen Locken mit dem einfachen weißen Häubchen u kleinem goldenen Kranz darauf, daß Jung u Alt sie eigentlich mit Ehrfurcht ansahen! – Den Einband Ihres schönen Marsches fanden wir durchaus passend, u gar Niemand fiel es ein, daß er Anders sein könnte, denn Jeder schaute ja nur gern Ihre Handschrift u Ihre Noten an! – Hübner hat Ihnen gewiß schon von dem Frauen-Chor gesprochen, der zuerst die Feier begann u den Wüllner leitete! – Das Wetter war die ganze Woche herrlich, u mein Mann der noch nie bei Hübner’s in Loschwitz sein konnte, erfreute sich jeden Tag mehr an der herrlichen Lage, der köstlichen Luft u dem sehr behaglichen Hause! Und rührend dankbar u glücklich äußerte grade unsre Schwägerin oft ihre Freude Kinder u Enkel u uns Alle in den Tagen so ungetrübt bei sich zu haben! Wir frühstückten am Hochzeitsmorgen à 24 Personen – nur die nächsten Verwandten u unsre treue Minna – Alle bei Hübner’s – u ebenso war das Mittag wo nur noch, Clara Schaum u Frau v. Bünau die einzigen nicht Familie, waren! – Meine Schwägerin hatte Alles selbst auf’s Beste eingerichtet (ihre Köchin kochte Alles) u sie dirigirte u arrangierte unbemerkt wie unser großer Moltke! – Seit gestern Abend sind wir hier – u leider beim ersten kühleren Regen erkältete sich mein Mann etwas auf der Fahrt! Doch ist es heut schön, u ich hoffe, er ist bald wieder frisch! – Schade, schade, daß wir uns jetzt verfehlen liebste theure Clara! – Aber ich hoffe auf Ende Juni, wenn Sie von Kiel heimkehren, dann sind wir ruhig zu Haus. – Jetzt werde ich nicht vor Dienstag, Mittwoch nächste Woche in Düsseld [sein]– Es ist so viel, was mich hier fesselt! – Mein armer Neffe Gottfried Schadow eben als Assistentz Arzt in Breslau angestellt, bekam einen sehr schlimmen Gelenk-Rheumat., so reiste die Mutter gleich hin, u wir sind in großer Sorge. Ich will heut gleich nach Lichterfelde zu meiner Nichte Adelheid, um erste Nachricht u Näheres zu hören! – Es ist immer wieder überall nur Sorge. Mein Mann darf mit seinem Auge noch nichts sehen – so geht er nur viel in die Luft u da unsre Kinder hier in der Bülowstr. 6. sehr frei wohnen, wandert er schon eben mit seinem Enkel hinaus auf die Wiesen, während unser Sohn hinausreitet mit andern Offizieren zu den großen Übungen.
Und nun ade u vor Allem tausend Wünsche zu guter glücklicher Reise!
Immer in alter Liebe Ihre L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 265ff.
 



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