15.07.2019

Briefe



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ID: 17971 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 06.09.1879
 

Ddf. 6 Sptbr. 79.
Liebe Freundin!
Gestern haben wir Ihre Postkarte aus Berchtesgdn erhalten u hoffen, dß Sie nun wieder so hergestellt sein werden, um noch Einiges von Kunst in München genießen zu können. Es war wirklich ein rechtes Mißgeschick, eine Tücke, wenn man menschlich reden will, die Sie in diesem Paradiese überfiel – die zum Paradiese gehörige Schlange! – Und dß nun die arme Marie auch wieder mehr leiden muß! – Sie schreiben in Ihrem lieben Briefe vom 31. Aug., für den ich noch herzlichst danke, Sie wünschten die Sache philosophischer ansehen zu können – ich glaube, dß Sie Philosophin genug sind – wie ich überhaupt an Ihre Schwächen wenig glaube. Besonders seitdem ich von Ihnen gehört habe, dß Sie auf dem Königssee Angst ausgestanden u doch Genuß gehabt haben – Sie halten mich für einen beßern Philosophen u doch würde mir ein Angstgefühl wohl den Genuß sehr verbittert u verleidet haben. Daher halte ich Sie für eine große Philosophin, u was mir noch mehr werth ist, für ein bevorzugt reiches Gemüth. – Halten Sie mir diesen Ergebenheits-Erguß zu Gute – mündlich hätte ich ihn nicht zum Fließen gebracht u fließen mußte er doch einmal. –
Wir sind seit Donnerstag Abd glücklich hier angelangt. Mittwoch NMittag sind wir in Ihre Wohnung eingedrungen u haben gesehen mit gr. Freude, wie hübsch, wie geschmackvoll u sozusagen nobel Sie eingerichtet sind. Meine Frau glaubte Marie’s Pinselführung zu erkennen. Ich war geschmeichelt so viele Kreidestriche meiner Hand an Ihren Wänden zu finden. –
Nachher haben wir uns in dem herrlichen Palmengarten bei wundervollem Wetter aufgehalten u Ihrer lebhaft gedacht. Frkft ist doch eine prächtige Stadt, und ich bedauere nur, dß Düsseldorf nicht ebenso hübsch u ebenso magnetisch ist u war! –
In München haben wir tapfer gearbeitet – denn es ist wirklich eine Arbeit, so viele Bilder nebeneinander in kunterbunter Reihe noch dazu schlecht beleuchtet, betrachten zu müssen. Ein Ragout von wohl- u übelschmeckenden Speisen durcheinander gerührt. – Jeder Fabrikant bemüht sich auf Ausstellungen seine Erzeugnisse möglichst günstig u bequem-übersichtlich aufzustellen u wir Maler dulden es, dß man unsere Arbeiten ganz willkürlich durcheinander wirft – [Es könnte] scheinen, als hätte man die Absicht gehabt Alles möglichst zu vernichten – wie ein Krieg Aller gegen Alle. – Und in der That ein Krieg der Art ist zwischen den Münchener Malern.
Von Rudolf haben wir eine Karte aus Fusch im Pinzgau, sehr zufrieden. – Somit nehmen
Sie vorlieb. Ihr E B.

Mit m. Augen bin ich recht zufrieden – nur muß ich vorsichtig sein.
Herzl. Grüße Marie.

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 270ff.
 



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