19.12.2019

Briefe



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ID: 17973 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 01.02.1871
 

Düsseldorf den 1t Febr. 71
Meine theuerste Clara!
Tausend innigen Dank für Ihre warmen Worte, die schon Sonntag Morgen bei uns waren u uns gar zu wohl thaten; es war doch herrlich, daß Sie uns so einige Tage u Stunden schenken konnten u wir im traulichen u herzlichsten Verkehr wohl gegenseitig alle Liebe u Treue nur noch schöner, noch förderlicher empfunden haben! – Sie müssen nicht weiter danken – wir konnten ja so wenig für Sie u die lieben Mädel thun; im Gegentheil, der Dank ist immer nur bei uns, denn wieviel geben Sie uns durch Ihre Liebe, durch Ihre herrliche Kunst – die höchsten Güter dieses Lebens; ja die, die uns vom Irdischen hinwegheben u uns wahrhaft erheben zum Ewigen, Göttlichen! – – Aber Ihre Worte gestern bei Ferdinand’s Brief (den ich gleich beförderte) betrübten mich weil Sie Arme so über die Ohren klagen. Gott gebe daß das bald wieder vorüber geht u Sie am Montag beim Spielen schon freier waren! Mit wärmsten Wünschen bin ich so viel bei Ihnen, u thut es mir schrecklich leid Burnands nicht zu kennen; dann könnte ich mir so viel besser Ihr jetzig Leben vorstellen. Daß Marie sich schon etwas im politischen Gespräch ärgerte, ist wahrscheinlich unvermeidlich, selbst beim besten Willen dgl. zu unterdrücken! Man ist in den meisten Ländern leicht ungerecht gegen uns Deutsche u will uns nicht als große Nation dulden; aber das hilft nichts; wenn Wahrheit u Recht, ernstestes Streben in allen Entwickelungen uns als Bestes, Höchstes verbleiben – dann wird man uns doch endlich gelten lassen müssen! – Daß Ihr Koffer sich gleich in Cöln vorfand, war doch eine angenehme Überraschung; wir hatten hier schon noch auf dem Aachener Bahnhof durch einen jungen Freund nachforschen lassen – aber natürlich war er nicht zu finden gewesen! – Ihrem Ferdinand schickten wir einige Male Cigarren u besorgen von Herzen gern Alles für ihn, was Sie Liebe Gute wünschen! Das bitte bitte, nehmen Sie ein für Alle Mal an! – Von Rudolf hatten wir endlich vom 23t einige Worte mit Bleistift geschrieben aus Rougemont bei Pontarlier, wo sie nach 12stündigem scharfen Ritt das Hauptquartier des General v. Werder aufgefunden hatten – u dann wieder zu ihrem Corps zurückmußten; er war gesund, schrieb auf einer Steinbank am Markt u konnte eine badische Feldpost benutzen. Die Briefe zu uns sonst aus dem Süden sind Alle zurück gehalten worden, weil man das Spioniren der Franctireurs vermeiden mußte. Leider ist ja auch im Süden noch nicht Waffenstillstand u bei Arbois war noch Kampf grade mit der 14t Division (Rudolfs). – So sind wir grade um ihn u um Franz H. der mit dem 60t Reg. auch dabei ist, noch recht in Sorgen. – Unser Ernst schrieb zuletzt v. 21t aus Joigny a. d. Yonne; sie gehören jetzt zur Etappen-Inspektion der II Armee u besetzten große Strecken zwischen Chatillon u Montargis, um Telegraphen, Posten u Alles zu schützen. Unser Fried schrieb an Marie noch ganz munter aus Rouen; aber doch ärgerlich über das leichtsinnige kindische Volk, das gleich wieder auf Meklenburg-Truppen schoß, die einzogen, ohne jede Veranlaßung dazu! Natürlich mußten danach einige von ihnen hart bestraft werden. Auch schickt er ein Stück: [„]Journal du Havre“ mit, das die schändlichsten Dinge über unsern König u lauter Lügen enthält! – So ist der innere
Zustand in ganz Frankreich doch ein jammervoller, u noch begreift man nicht, wer endlich eine vernünftige Regierung bei ihnen Zu [sic] Stande bringen soll! – Hoffen wir daß aus dem Waffenstillstand schönster Friede sich entwickelt! – Am Sonntag mußten wir illuminiren, aber so recht freudig that man es noch nicht; es giebt noch zu viel Trauriges u zu viel Sorge durch den Krieg. – Bei unsrer Marie war auch ein kl. Lazareth durch starke Grippe u ich Vormittags viel da; doch Gott sei Dank geht es Allen besser u der Husten bei den Kindern läßt nach! – Bei Frl. Leser war ich am Montag u wollte sie schon gestern schreiben – daher ließ ich es bis heut.
Leider ist wieder die Luft so rauh; da kann ich nicht viel heraus – denn ich war immer nicht so recht wohl u fühle wohl wie durch die Sehnsucht u Sorge um die Söhne Herz u Brust mir angegriffen sind. Juliet Kissel’s Tod hat uns auch sehr erschüttert u schrieb ich gleich Sonnabend den armen Eltern. Noch letzten Mai waren sie hier bei uns u ich hatte öfter u länger mit der Juliet gesprochen! Sie war ein feines reizendes Wesen! So geht Jeder dahin, wie Gott es bestimmt – u wir armen Menschenkinder müssen uns beugen; u doch muthig wieder vorwärtsschauen.
Heut spielen Sie auch! Könnten wir es hören! – Nun aber ade; ist Ihre Zeit sehr knapp, so bitten wir sehr daß Marie oder Eugenie Mal schreiben! Frl. Leser u ich theilen uns ja Alles mit!
Gott stärke u schütze Sie u die Kinder.
Ihre treuste Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 173-176
 



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