15.07.2019

Briefe



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ID: 17974 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 31.05.1871
 

Düsseldorf 31 Mai 1871
Liebe Freundin
Fräulein Leser sagt mir dß Sie gern einen Bericht über das Cölner Musikfest haben möchten. Ob Sie nun gerade einen solchen von mir haben wollen steht zu bezweifeln; jedoch bezweifel ich hinwieder, dß Sie an meine Befähigung zu dergleichen glauben u gerade deßhalb werde ich Ihnen eine kleine Vorlesung über denjenigen Tag halten, welchen ich in Cöln das Glück u das Vergnügen hatte zubringen zu können. Ob in demselben viel von Musik die Rede sein wird bezweifle ich nun wieder. – Also nach dieser Introduction gehe ich sofort in ein Prestissimo auf der Eisenbahn über auf welcher Sie sich meine Gattin, mich u Ernst denken müssen, Alle sauber u reinlich gekleidet wie es zu so himmlischen Frühlings-Pfingst-[Montags] Wetter paßt. Die Probe war leidlich bestückt, namentlich waren von den c 100 Tenören etwa 20 gegenwärtig u da bald Mr. Caleb bald Demoiselle Achsa fehlten so wurde der Text bald von vorn nach hinten bald von hinten nach vorn abgespielt u gesungen. Nichtsdestoweniger war es sehr schön u meine Frau namentlich tief bewegt von so manchem Stück welches ihr besonders zu Herzen sprach p. Ex: „Soll ich auf Mamre’s Fruchtgefild“ Nach Beendigung der Probe sprachen wir noch die Löwen des Tages, unsere guten Freunde u dann fuhr meine Gattin mit Ernst wieder hierher zurück, theils weil sie die Abendaufführung u Rückfahrt scheute (wegen der uns noch mangelhaften Ohren) theils weil Minna Meyer hatte zurückbleiben müssen wegen Unwohlsein. Ich glaube aber Letztere hat sich das ganze Oratorium auf u in ihrem Gehirnkasten vorgeklappert. Nun hatte ich freie Hand! Ich benutzte sie sofort um bei Hillers zu diniren; er war freilich auf einem großen Diner beim Oberbürgermeister u ich hatte deßhalb nur einige Rester zu schlucken, jedoch hab ich mich [mit] Mdme, Fr. Backhausen u namentlich Tony, weniger mit Paul, vortrefflich unterhalten, u konnte dann auf Hillers weich gelegenem Ledersopha ganz allein schlafen, ohne Schnarchbegleitung. Hatte auch in den Bildern u Zeichnungen gute Gesellschaft, zu welcher die Familie Schumann gehörte. Der Träume erinnere ich mich nicht mehr genau, welche ich gehabt, aber es war so etwas von einem mächtigen will lieber sagen dicken Quartett: Sopran Alt Tenor u statt des Baß fungirte (so ein Traum!) der Capellmeister selbst. Hierdurch gestärkt wanderte ich zu Schnitzlers wo ich Joachim fand, seine Geige oder deren Saiten mit Oel schmierend. Wozu das dient wollte ich fragen, denn es pfelgt [sic] sich auf fettigen Saiten nicht gut zu spielen, aber wir gerathen sofort in solche tiefe philosophischen Kunstbetrachtungen dß ich ohne Belehrung wieder zu Hiller kam u in dem Wagen vis à vis von Madame u Fr. Backhausen über so manchem Puder das Oel vergaß. Nun ging bald der Klopfer mit dem Taktirstock u die herrliche Ouvertüre los u das ganze wundervolle Kunstwerk, welches ich nie gehört hatte, rollte sich, für mein Gefühl herrlich ab, bis zur Pause. Othniel, obgleich in einem feuerfarben Kleid, sang hinreißend schön. Der arme Stockhausen aber mußte wiederum einen Tribut an seine schwache Kehle zahlen, denn er wurde wie es schien plötzlich heiser, so dß er erst im dritten Theile wieder mit etwas mehr Stimme u Ausdruck singen konnte. Es machte dies auf mich einen höchst trüben Eindruck! In der Pause drängte ich mich durch die freudig bewegten Damenkleider bis zum Dirigenten Pult, wo unser guter Dicker u die von Ruhm u Liebenswürdigkeit triefende Frau Joachim mich Unwürdigen oder Ungeweihten hinaufriefen, so dß ich in dem Kreise der von göttlich-musikalischer Begeisterung Erfüllten mich fast schämte, doch aber, nur einige Fuß über den Plebs erhoben, einen unauslöschlich schönen Eindruck davon getragen habe. Ich konnte zugleich nachfühlen, welche Stimmung es für Euch sein muß, so im Mittelpunkt allgemeiner Begeisterung dieselbe hervorrufen zu [dürfen] müssen! Im dritten Theile mußte Othniel die wundervolle Arie „Gefahren umgebt mich“ unter stürmischem Jubel wiederholen u ebenso wurde der unergründlich schöne Chor „Seht den Heldenjüngling nahn“ da Capo verlangt u bei der Wiederholung erhob sich der Saal mit Tücherschwenken, um eine nationale Ovation einer Büste des Königs darzubringen welche [unter] vor dem Dirigenten-Pult stand. – Das Ganze hat auf mich, der ich seit 10 Jahren kein Musikfest mitgemacht einen außerordentlichen Eindruck gemacht u ich verzeih dem Gervinus welcher Händel u nichts als Händel haben wollte. In der 9t Symphonie sollen einige sehr berühmte Künstler sehr bedeutende Schnitzer gemacht haben. Am dritten Tage, soll Frau Joachim mit dem „Leise zieht durch mein Gemüth“ u „Der Soldatenbraut“ entzückt haben u Joachim mit seinem Spiel, obwohl man in der Wahl seiner Stücke gewisse Rücksichten tadelt, die er genommen hatte. – Wie oft wir im Gespräch Ihrer gedacht haben, liebe Frau Schumann, brauche ich nicht zu sagen. Schade dß Sie nicht zugegen waren u vor Allem, dß Sie nicht mitgewirkt haben! Heute (am 1sten Juny) hatten wir die Freude Herrn u Frl Horsley hier in Düsseldorf zu sehen. Ich habe ihnen die Schönheiten Düsseldorfs gezeigt; sie haben bei uns gegessen u wir haben uns viel zu erzählen gehabt; nach 26 Jahren fehlte es nicht an Stoff u auch wiederum von Ihnen war viel die Rede, wenn auch Farbestoff u Pinselhaar oft den interessanteren Theil der Unterhandlung [sic] unterbrachen. Die ungeheuchelte Theilnahme an allem „Deutschen“ hat uns sehr wohlgethan.
Dß die Garderegimenter nun wirklich aus dem unglücklichen Frankreich zurückkehren wird Ihnen eine große Freude sein. – Wir hatten vor Pfingsten leider einen herben Verlust: der älteste Sohn meines Bruders, welcher nicht mit im Felde war, ist ganz plötzlich an Gehirnschlag in wenigen Stunden verschieden, eine junge Frau zurücklassend. Wir konnten trotz allen wahrhaften Vergnügens das Entsetzliche nicht ganz verwinden; vielleicht hat es den Reiz so erhabener musikalischer Eindrücke erhöht.
Nehmen Sie mit diesen Zeilen vorlieb u nur noch unsere, namentlich meiner Frau herzlichsten Grüße.
Ihr sehr ergebener E Bendemann
Marie u Eugenie grüße ich bestens

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 177-180
 



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