19.12.2019

Briefe



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ID: 17977 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 01.01.1873
 

Düsseldorf den 1t Jan. 1873.
Meine innig geliebte Clara!
Daß unsre treusten wärmsten Wünsche zum beginnenden Jahre nicht heut schon bei Ihnen sind, ist mir herzlich leid, aber unsres Felix Verlobung hat mir die letzte Woche u Tage so viel zu schreiben gegeben, u so innerlich auch Zeit u Kräfte beansprucht, daß ich eben heut erst Ruhe finde Ihnen auch davon Näheres zu sagen! – Ach! möchte Gott gnädig über Sie u Ihre theuren Kinder u Enkel walten, u Letztere zum Trost des armen Marmorito recht frisch gedeihen lassen, so daß auch Ihnen Allen in dem kleinen Wesen einst wieder neues Glück ersteht! – Ich dachte so oft in den Weihnachtstagen zu Ihnen hin, daß ich meinte, sie müßten es gefühlt haben; – mir ist es oft mit den Menschen, die mir wirklich so ganz theuer u lieb sind so im Innern, als fühlte ich ihre geistige Nähe wohlthuend um mich u das giebt mir immer besondere Kraft! – Ihre lieben Worte gestern waren uns größte Herzensfreude, u ich danke Ihnen viel tausend Mal, daß Sie trotz der schmerzenden Hand so viel geschrieben! Möchte es Ihnen nicht geschadet haben; u möchte eben unser u all’ Ihrer treuen Freunde Wunsch mit der Stiftung in Erfüllung gehen, daß Sie, wenn Sie nicht mehr soviel reisen wollen, eine behagliche Häuslichkeit mit den geliebten Kindern gründen; u ein schönes „Heim“ in dem es Ihnen u Allen die Sie lieben mit Ihnen oft wohl ist u in dem die herrliche Kunst ferner die Herzen durch Sie zum Höchsten erhebt! – Viel könnte ich noch darüber sagen theuerste Clara, aber, so Gott will, thun wir das bald mündlich besser, u ich denke es bleibt dabei, daß Sie die letzte Januar-Woche uns schenken! – Eben kam von Fried u Hedwig die frohe Botschaft, daß sie uns nächste Woche auf 8–10 Tage besuchen wollen. Fried kann diesen Monat etwas Urlaub haben, später nicht, u so ist es herrlich, daß sie jetzt kommen, wo wir uns soviel zu sagen haben! – Ja denken Sie, Felix ist der glückliche Bräutigam von Helene Sturz, Tochter des Consul Sturz der mit seiner Frau still u zurückgezogen in Berlin lebt; u die der Tochter einen Aufenthalt in Kiel bei ihrer intimsten Freundin gestatteten, deren Mann auf großer Seereise! – Da lernte sie Felix kennen u lieben. Zu Weihnachten kam er mit vollem Herzen zu uns, u da er noch so jung u mancherlei dagegen spricht, so gab es doch auch unsrerseits [zu] bedenken! – Allein er ist so fest u ruhig u ernst u hat Alles, ebenso wie Helene so richtig u feinfühlend überlegt, daß schließlich wir u auch die Eltern Sturz nur „Ja u Amen“ sagen konnten, u hoffen unsre Kinder werden wahrhaft glücklich! – Wir hatten gestern einen sehr schönen Brief von Helene, die sehr gescheut, sehr hübsch u anziehend sein muß! – So geht es geliebte Clara – der Kinder Schicksale werden wunderbar geleitet, u je älter man wird, je mehr bittet man nur um Liebe u innere Harmonie, dann geht Alles bei sonst tüchtigen u thätigen Naturen! Letzteres sind ja Gottlob unsre Kinder! – Fried war dem Felix dieser Tage in Berlin treuster Freund u liebevollster Bruder, u das freute uns Eltern noch besonders zu sehen, wie die Brüder sich gern helfen! – Heut ist Felix wieder in Kiel u wird nun ungetrübt u froh nach allem Kampf seine Helene wiedersehen u als Braut genießen! – Früh schon war ich bei Leser’s heut, ihnen den treusten Freunden, unsre Neuigkeit mittheilen u glückliches Neujahr zu wünschen; sie waren wohl u gaben mir den inliegenden Brief, der eben gekommen war.
Der Cachemire kam doch richtig an? – Grüßen Sie Eugenie u Ferdinand herzlich u bitte auch Marie tausend Mal, wenn Sie schreiben! Ja, daß Eugenie gern studiren möchte, begreife ich – aber ebenso, daß Sie sie ungern zurücklassen! – Vielleicht aber finden Sie durch Ihre vielen Bekannte in Berlin doch eine passende u glückliche Auskunft wo u wie u mit wem Eugenie wohnen könnte! – Sein Sie nachsichtig heut [mit] mir. – Kopf u Herz sind mit Vielem benommen; u halten Sie nur fest, daß unsre Liebe für Sie treu ist für Zeit u Ewigkeit
Ihre alte
treuste Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 209-212
 



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