15.07.2019

Briefe



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ID: 17981 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 23.05.1872
 

Düsseldorf d. 23 Mai 1872
Liebe Freundin
Hierbei erhalten Sie eine Kiste mit der Ihnen gehörigen Photographie, mit einem Lorbeerkranz: zwei Päckchen restaurirten Handschuhen. Meine Frau ist nach den Freuden u Leiden des Musikfestes u durch eine bei dem bisher schlechten Wetter leicht erklärlichen Erkältung, heute nicht ganz auf ihrem Schick u überläßt mir Ihnen Obiges zuzusenden. Und ich ergreife mit Vergnügen die Gelegenheit Ihnen einen Gruß zu senden, vor Allem aber Ihnen beiliegend die bewußte Quittung zurückzuschicken, welche ich von Hübner nebst inliegenden Zeilen erhielt. Letztere brauchen Sie mir nicht zurückzusenden. Von dem Musikfest hat meine Frau u alle Meinigen sehr viel fast Alles incl. der Proben mitgemacht. Ich nur einiges Wenige 8t Symphonie v Beethoven, die Symphonie Ihres unvergeßlichen Mannes das imposanteste für mich. Anacreon Ouverture sehr schön, Schuberts Mirjam hat mich sehr entzückt. Händel Cäcilie habe ich nicht gehört. Die Cantate v. Bach, mit Ausnahme einiger Stücke, hat mich kühler gelassen, wahrscheinlich weil ich sie nur einmal gehört.[Den] 3t Tage habe ich gar nicht gehört. Der Thurm zu Babel hat mich sehr interessirt in den großen oft freilich sehr lärmenden Tonbildern, Einsturz des Thurmes (mit Paukenschlägen!!) Characterisirung der drei Stämme auf ihrem Marsche in die Zerstreuung u noch einige andre Stücke. Das ganze scheint mir durch die Gesuchtheit des Dramatischen im Stoffe nicht glücklich. Wie Sie sagten „bedeutende Lichtblicke werden darin sein“. Eine stille Größe erschien mir nicht darin wahrgenommen werden zu können u diese gibt doch erst dem lärmenden das Recht. Die Cölnische Zeitung erschien uns aber nicht billig zu urtheilen, weder über das Werk noch über den Eindruck im Publikum. Wir haben von der Parteinahme u Parteistellung wenig oder nichts zu bemerken Gelegenheit gehabt. Viel Enthousiasmus für R. ist uns sichtbar geworden, wie dies nicht anders möglich ist bei seiner genialen absonderlichen Art. Sehr entschiedene Antipathien hat nur Berlioz’ Carneval-Ouvertüre erzeugt. Als ich sie in der Probe hörte, war mir hündisch zu Muthe. Ich hätte heulen mögen.
Verzeihen Sie diese Ergüsse eines Laien! So schön, zart u stark, so aus einem Guße wie neulich Ihre Sonate u Davidsbündler war nichts u das verwöhnt!
Meine Frau grüßt bestens. Es geht ihr schon besser, aber sie noch recht erkältet u caput.
Herzliche Grüße den beiden Mädchen!
Ihr E Bendemann

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 195ff.
 



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