19.12.2019

Briefe



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ID: 17984 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 13.11.1872
 

Düsseldorf den 13t Nov. 72.
Meine theuerste Clara!
Ein Liebesgruß Ihnen u Ihren geliebten Kindern zu senden, ist mir zu sehr Bedürfniß; denn weiß man die Freunde in Trauer so drängt das Herz noch mehr ihnen zuzurufen „unsre treuste Theilnahme ist immer mit Euch u wir fühlen tief, was Alle in der Selig Entschlafenen Julie verloren haben!“ – Daß ein sanfter Tod ihren vielen Leiden u dem zerrütteten Körper ein Ende gab, erwarteten wir seit heut vor 14 Tagen wo Sie die erste schlimme Nachricht erhielten. Es war ja undenkbar, daß sie bei der Zartheit u Kränklichkeit so furchtbare Erschütterungen überleben könnte; u ich stimme dir theure Marie bei, daß ihr die Ruhe zu gönnen war! Hab’ vielen Dank, daß du gleich schriebst u ich durch Leser’s Deine lieben Trauerworte mit erhielt. – Gott stärke Euch Alle, das ist unser einzig Gebet; u helfe dem armen Marmorito Wege finden, um seine Kinder glücklich u in der theuren Entschlafenen Sinn zu erziehen! – Wir sind natürlich sehr begierig zu wissen, wie es Euch Allen geht, u wie Sie das Spielen ertragen! Ich hoffe die herrliche Kunst u die erhebenden Töne heben Sie wie sonst hinüber über Alles irdische Leid! – Vielleicht bekommen Sie nach u nach doch auch das tröstende Gefühl der Unsterblichkeit der Geister; ich meine die köstliche Erinnerung an Alle die uns theuer waren u die schon längst dahingegangen ist schönster Beweis des seelischen Zusammenhanges! Das Gefühl daß man zusammen gehört im aller Innersten, u daß ich oft meine [die] flüsternde Stimme Eines der Seligen zu hören u die Sehnsucht nach ihnen – das Alles ist doch erhoben über die irdischen Dinge u kann mir durch nichts geraubt werden! – Verzeihung wenn ich wieder zuviel schreibe u meine Gefühle u Gedanken so darlege; aber unwillkührlich vertieft man sich in das Ernste u doch so Erhebende! – Wir streben ja Alle nach Klärung des Herzens u Geistes zu höheren Zielen – u darin liegt doch auch großer Trost! – Wir hoffen, daß Felix mit Ruhe u Vernunft ein besser eingetheiltes Leben beginnt, u nach dem Kummer um Julie, nun wahrhaft darin lebt Ihnen nur Freude zu machen u ein tüchtiger Mann in des Wortes schönster Bedeutung zu werden! – Die „Signale“ wurden noch hier für Sie abgegeben, sonst nichts. Sollen wir sie Ihnen schicken? oder dirigieren Sie sie vielleicht gleich von Leipzig nach Wien? – Frl. Leser schreibt selbst; die Armen haben wieder das Mädchen krank u sind wirklich immer recht geprüft durch des Lebens kleine Mühseligkeiten. –
Wir haben seit heut früh furchtbaren Schnee; er liegt schon 1 Fuß hoch u es friert auch etwas! Möchte es im südl. Deutschland besser sein, u Sie glücklich u gesund reisen! – Empfehlen Sie mich Ihren lieben Wirthen, Fr. v. Pacher u Frl. List recht sehr! –
Und nun innigstes Lebewohl geliebte Clara! Ach! wären wir doch noch beisammen, u wüßten nur wie es Ihnen u Allen Kindern geht! –
Mein Mann u Rudolf grüßen treu u theilnehmend mit mir von ganzem Herzen. Es umarmt
Sie
Ihre alte treue
Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 200f.
 



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