19.12.2019

Briefe



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ID: 17990 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 04.02.1882
 

Düsseldorf den 4t Febr 1882
Meine theure Clara!
Unsre Briefe zu Anfang des neuen Jahres kreuzten sich, u nun sind schon wieder 4 Wochen dahin geschwunden, u ich habe so recht das innige Bedürfniß Ihnen u den geliebten Kindern wärmste Grüße zuzurufen! An Marie recht besondern Dank für ihren Brief mit allen guten Wünschen! Ach! ja möchten sie sich erfüllen, u unsre Söhne sich wieder kräftigen können! – Aber für unsern armen Fried sind die Hoffnungen schwach; auch Davos stärkende Luft u erwärmende Sonne, haben auf den kranken Körper keinen Einfluß; unsre liebste arme Hedwig schrieb sehr niedergeschlagen u wehmüthig. Zum Glück ist sie selbst nebst dem lieben Jungen frisch, für die Gesunden muß der Aufenthalt in der reinen stillen Bergluft sehr wohlthuend sein. –
Die Zukunft liegt mithin etwas schwer auf uns, u neben Allem Guten kann ich den tiefen Schmerz oft kaum bewältigen! Doch dies nur für Sie geliebte Clara, die Sie das Elternherz für die hinsiechenden Kinder kennen u tief mit uns fühlen. – Rudolf ist glücklich in Ajaccio heut vor 8 Tagen gelandet, findet es ganz so schön wie man es beschreibt, u so wollen wir hoffen, daß es auch erste Heilkraft an dem theuren Sohn bewährt; er ist im Ganzen munter, aber doch zart in der Kehle u im Athmen! – Daß unsre liebe Schwägerin Schadow heut vor 3 Wochen von ihrem Leiden erlöst wurde, schrieb Ihnen Frl. Leser; unbegreiflicher Weise kam es nicht in die Kölnische Zeitung und auch mit den Anzeigen waren Fr. Hasenclever u Bruder u Tochter recht nachläßig, so weiß ich nicht ob Sie meine Mittheilung direkt erhielten? – Da ich grade im letzten Jahr viel zu meiner Schwägerin ging, u sie bis zuletzt so sehr theilnehmend bei voller Geistesstärke blieb, ist die Lücke für mich sehr groß u ich traure ihr aufrichtig nach! Für die Hasenclever ist der Verlust unersetzlich; es war die liebevollste seltenste Mutter, u sie trug ihre Leiden mit heldenmüthiger Geduld, ohne jedes Klagen! – Bei unsrem Felix gedeiht die am 20t Dec. geborene Tochter nach Wunsch u die ganze liebe Familie ist Gottlob frisch. Felix selbst machte uns die größte Freude uns auf 1 Tag vorigen Sonnabend zu besuchen; das war köstliche Herzstärkung; Sie kennen ihn in seinem frischen natürlichen Wesen, das für uns Eltern jetzt [in] der rührendsten Liebe u Dankbarkeit so recht besonders [warm] sich mittheilt. Er hatte einige Tage auf Krupp’s großem Schießplatz bei Meppen (nördlich von Münster) zu thun, u daher konnte schnell der Abstecher zu uns gemacht werden! – Hoffentlich kommen Sie aus Stuttgart recht wohl zurück mit neuen schönsten Loorbeeren, wir freuen uns unbeschreiblich jeder guten Nachricht die wir von Ihnen hören, u denken doch, daß Sie n. London rutschen u [daß] Sie bei uns rasten? Das wäre köstlich. – An der schönen Sonate Ihres theuren Mannes erbauten wir uns vorgestern sehr! Ich denke es ist die D Moll, die Sie vor langen Jahren in Dresden im Tonkünstler-Verein spielten! – Hübner schrieb sehr befriedigt von der Genoveva, die er sich gleich anhörte, u meine Schwägerin wollte auch hin; sie hatte das erste Mal Abhaltung durch Ankunft ihrer Kinder, die Hübner zu seinem 76t Geburtst. überraschten. – Mein Mann ist Gott sei Dank in aller Thätigkeit ganz wohl; u doch voll tiefstem Kummer um unsern Fried; aber wir tragen zusammen, was geschickt wird! u beten nur um nicht zu hartes Leiden für die geliebten Kinder! – Mein Mann malte sich selbst ganz vortrefflich; das Bildniß muß nach Antwerpen – ich bedaure daß Sie es nicht sehen Über Joachim – Brahms könnte man viel sagen; aber es ist zu traurig! Über des Letzteren Herzlosigkeiten u leichte Art staune ich nicht mehr – da er leider seit 25 Jahren nur durch Sie so bekannt geworden, u ich daher nie mich für ihn interress. konnte, so große Gaben er auch hat! Erst kommt der Mensch, dann der Musiker!! –
Frl. Leser hält sich ganz frisch u Fidelio u Euryanthe mit Max Achenbach machten ihr, wie uns, wahre Freude! –
Ade, ade. In treuster Liebe umarmt Sie Ihre L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 287-290
 



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