19.12.2019

Briefe



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ID: 17991 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 26.04.1882
 

Düsseldorf d. 26t April 1882.
Theure geliebte Clara!
Welch’ herrliche Überraschung war Ihr langer Brief vorgestern, u wie von Herzen danken wir für Alles Wohlthuende das Sie uns sagen, u für alle liebevolle Nachsicht, u für Alles Vertrauen! – Wenn die innigste Liebe auch den Kindern gehört, so ist es doch wohl zu natürlich daß man mit wahren alten u treusten Freunden noch einen besonders vertrauten Verkehr sich erhält. Ja, ich meine grade die Frauen-Natur bedarf das, weil Erfahrung u die Erlebniße durch Freud u Leid uns seelisch klären; u man dann so gern sich in ernsten Dingen gegenseitig mit Rath u That beisteht. –
Vielen Dank auch für Ihre Mittheilungen über Baden; aber unser Sohn strebt fort, da ist nichts zu machen; er schreibt grade heut daß sie nächste Woche womöglich nach Thüringen wollten: Eisenach, Gotha u. s. w., u wenn er dann auch still zu Haus bliebe, könnte seine Frau sich Wohnungen ansehen bis sie Passendes fänden. Man müßte selbst suchen, das könnte kein Andrer für sie! Er weist alle unsre u Felix u Krüger’s Hilfe ab! – Gott stehe denn den Armen bei u mache die Prüfungen nicht zu hart; weiter können wir schließlich nichts bitten u beten! Wie wunderbar werden die Menschen geführt, u wie wunderbar entwickeln sich die Charaktere, die Thätigkeiten unter so gleichen ersten
Entwickelungen u Erziehungen im Elternhaus! Das erfahren Sie Geliebte u wir u Viele Eltern! – Also vorwärts mit Gott bis an’s Ende! – Ihrer kl. eitlen Fromm scheint allerdings das einfachste Pflicht- u Ehr-Gefühl sehr zu fehlen. Das alberne Malen der Augen ist als eine Kinderei u Narrheit schon für ein Mal hinzunehmen, u selbst die Lüge oder die Schaam solche ordinäre u so sehr unwürdige Thorheit einzugestehen bei einem jungen Wesen schließlich auch zu vergessen! Aber dgl. müßte sie nun nur als „ein Mal u nicht wieder“ ernst empfinden; u durch größten Fleiß u bescheidenstes ernstestes Dankgefühl sich Ihnen u allen Ihren Wohlthaten immer würdiger machen! – Lassen Sie sie jetzt noch unter Ihrer u Ihrer Kinder guten u schönsten Beispiele Alles gute Streben recht oft empfinden; vielleicht erwacht doch noch das Beste u Höchste in ihr; u sie merkt was neben der guten Gabe Gottes in ihrem Talent, doch auch der Mensch fort u fort zu erringen u zu erkämpfen hat, will er wirklich Gutes leisten! – Vergnügungen mit Theater oder dgl. müssen Sie ihr nicht machen, aber im übrigen Verkehr würde ich doch noch zu helfen suchen. Dann haben Sie später, gelingt es nicht, wahrhaftig sich keine Vorwürfe zu machen; u im günstigen Fall vielleicht dann doch doppelte Freude!! – Ich war gestern gegen Abend 1 St. bei Frl. L. Sie ist in dieser Sache derselben Meinung! – Der verlorene Brief ist uns Beiden noch wahrer Kummer! – Fr. Cohnitz geht es besser; aber sie lebt noch still zu Haus u Frl. L. geht täglich zu ihr. Heut freilich stürmt u regnet es so arg, daß sie wohl kaum ausgehen kann. Ich nahm mir gestern den 1t Band von Prinz Albert (Mitregent) Biographie mit, um Abends mitunter meinem Mann daraus vorzulesen! So sehen Sie, wie Ihre guten Gaben Vielen zu Nutz u Frommen sind. Fr. Matthes hat seit gestern Besuch von Ohlenschlager’s aus London, Personen! Wieder etwas zuviel Unruhe, denn sie lag schon wieder mehrere Tage auf dem Sofa wegen geschwollner Adern. Ihre Karte erfreute sehr, das sagte mir der Sohn.
Von Frau Steinmetz kommen gute Nachrichten! – Mein Mann grüßt herzlichst mit. Er ist ganz beschämt, daß Sie seiner Käse-Liebhaberei so sorgend gedenken u dankt im Voraus.
Mit wärmsten Grüßen für Sie Alle umarmt Sie Ihre alte getreuste
Lida B.
Thut Ihnen das Baden gut?

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 290ff.
 



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