15.07.2019

Briefe



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ID: 17996 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 18.01.1883
 

Düsseldf 18 Jan. 1883.
Liebste Freundin
Meiner Meinung nach wäre es erwünscht, wenn K. zurückstünde. Nicht weil mir sein Aufsatz nicht gefällt, im Gegentheil, ich habe ihn mit größtem Interesse gelesen u meine er ginge wirklich tief in seinen Gegenstand ein. Freilich kenne ich weder Wasilewski’s noch Spitta’s u der Andern Werke; am Wenigsten kann ich wissen ob er dem musikalischen Theile gewachsen ist. (Gumbrecht’s ist ganz interessant, aber, m. M. n., doch d. richtige Zeitschriftartikel) Ich wünschte, dß K. zurückträte,weil 1, K. sehr, zu langsam vor [ge]rückt ist u mir in persönlicher Beziehung nicht sehr gewissenhaft erscheint.
2, das Beste, Intimste ihm nicht gegeben werden kann – das kann aber erst nach sehr langer Zeit geschehen!
3, Ihre Kontrolle, die Sie ihm nicht erlassen können gerade Schriftsteller, Biographen, hinderlich sein muß.
Ob Sie nun aber von ihm loskommen können, das vermag ich nicht zu entscheiden, dazu fehlt mir der juristische Verstand; selbst wenn ich noch Manches wüßte, was in Ihren Briefen nicht klar gelegt ist, würde ich es nicht entscheiden können. Ich würde unbedingt einen guten zuverlässigen Juristen dabei zu Rathe ziehen. Mir scheint, dß K. sein Anrecht dadurch verwirkt hat, dß er jenen Aufsatz in der Oesterr. Rundschau veröffentlich hat, ohne Ihre vorhergegangene Zustimmung. Dabei würde es aber doch auf die Art der Verabredung u der Bedingung ankommen, die Sie mit ihm eingegangen sind; z. B. ob er nicht etwa rechtlich unbehindert sein könnte, ohne Ihre Zustimmung etwas zu veröffentlichen in einer solchen Zeitschrift – wenn es nur nicht als das Buch erscheint, über welches Sie mitzusprechen haben. –
Ich bedaure sehr dß ich meinem Schwiegersohne Otto Euler die Sache nicht vorlegen kann – jetzt –, weil er im Begriff ist morgen mit unserem l. Rudolf bis nach Nizza zu reisen.
– Ich schreibe Ihnen hier einige Punkte nieder, die mir dunkel sind u. aus denen ich mich nicht herausfinden kann. Vielleicht ist’s überflüssig; vielleicht macht es Sie über Einiges klarer.
Haben Sie mit ihm Bedingungen oder Verabredungen getroffen für das ganze Werk bis zu Schumanns Tode? Oder ist nur im Allgemeinen
ohne bestimmte Verabredung angefangen worden? Im letzten Falle wären Sie ja wohl im Recht aufzuhören, wenn es Ihnen beliebt.
Hat K. das Material für das ganze Werk? Oder nur für den Anfang?
Wenn er das Material für die ganze Biographie kennt, wird er da wohl gehindert werden können, eine solche zu schreiben, selbst wenn Sie ihm jetzt die Erlaubniß entziehen?
Wenn er nur einen Theil des Materials kennt, wird er schwerlich ein Buch herausgeben. Wohl aber sein Wissen in Feuilletons u Aufsätzen verwerthen können. Wenn Sie ihm einen Termin für die Fertigstellung des Ganzen – oder eines Theiles – setzen, u er hält diesen Termin nicht ein, was dann? Würde der Ausweg darin zu finden sein, dß K. einen bestimmten Theil der ganzen Arbeit veröffentlicht, mit Ihrer Kontrolle, u dann aufhört? Kann K. Anspruch auf eine Entschädigung erheben, wie er solches in seinem ersten Briefe in starken Farben andeutet? In seinem letzten scheint er darauf zu verzichten. – Es kommt soviel auf den Charakter u die Gesinnung des Mannes an. Letztere scheint Ihnen gegenüber eine anhängliche zu sein. Haben Sie in Wien Niemanden, der persönlich einen Ausgleich zu Wege bringen, Ihnen wenigstens Andeutungen u Rath geben könnte, wie er zu behandeln sein würde? –
Sie sehen also, liebste Freundin, daß ich zwar die Lösung von K. wünsche, daß ich aber nicht zu ermessen im Stande bin, ob u wie dieselbe herbeizuführen ist. Leider bin ich also in der Lage wenig zu Ihrer Entscheidung beizutragen – sie zu erleichtern, was ich doch so gern thäte. Aber ein Dieb ist, wer mehr gibt als er hat, pflegte meine selige Mutter zu sagen. – Anticipando will ich noch Folgendes aussprechen: Sollten Sie mit K. auseinander kommen, d. h sollte er von dem Unternehmen in dieser od. jener Weise zurückstehen, sollte also eine Biographie Sch’s unter Ihren Augen nicht geschrieben werden, so würde ich rathen [in] Ihrem Testamente zu bestimmen, daß (nach Versiegelung sämmtlicher Schriftstücke u hinterlassener Papiere Sch. u auf ihn bezüglicher Papiere) dieselben in einer öffentlichen Bibliothek (Berlin?) deponirt u erst nach einem geraumen Zeitabschnitt benützt und veröffentlicht werden dürften. – Der dereinstige Biograph kann dann eine wirkliche, wahrhafte u rücksichtlose Arbeit liefern, wie Jahn von Mozart. Beiliegend schicke ich Ihre u K’s Briefe zurück. Die beiden Drucksachen habe ich an Frl Leser gegeben oder vielmehr meine Frau hat sie ihr gebracht. Lida hat Frl L. ganz wohl gefunden, die von Ihnen einen Brief oder Karte? erhalten hatte.
Lida grüßt Sie bestens. Auch Rudolf, der wie gesagt morgen 10 Uhr durch den Gotthard nach Genua fährt. Mit Otto. Sie bleiben wahrscheinlich zur Nacht in Maynz u fahren dann direkt bis Genua. Möchte die Reise nur helfen!? –
Herzlichen Gruß an Marie u Eugenie. Ich eile den Brief abgehen zu lassen, sonst schreibe ich mehr.
Ihr EB.

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 302-305
 



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