15.07.2019

Briefe



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ID: 17998 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 22.02.1883
 

Ddf 22.2.83
Liebste Freundin!
Auch von mir ein Zeichen der Freude dß Sie vor einem größeren Unfall beschützt u bewahrt geblieben sind u dß Sie das Conzert mit solchem Glanze haben durchführen können. Denn solch’ ein warmer Empfang, wie unsere Kinder uns schrieben, sei in Berlin nur für besondere Lieblinge aufbewahrt.
Wie man aber froh sein muß, dß Sie nur so mit dem blauen Auge davon gekommen sind, das sehen jetzt wir hier an der Frau meines jungen Freundes Janssen. Diese ist über einen Gegenstand gestolpert, in ihrer Schlafstube, ist [auf] einen Porzellaneimer gefallen, der in Scherben ging u hat sich unterhalb des Knie’s so tiefe Schnitte geholt, dß diese zugenäht werden mußten. Man hofft, dß keine Sehne zerschnitten sein wird. Außer Schmerzen u ganz unbeweglich Liegen seit fast 8 Tagen, geht es nach Wunsche. –
Hier ist jetzt Wagner-Feier, der Nibelungen Cyklus u die Zeitungen bringen ungemessen u schlecht geschriebene Nekrologe. Eine gewaltige Kraft (ich weiß nicht wieviele Pferde-Kraft, um im Sinne der Neuzeit zu schreiben) ist dahin gegangen u im Allgemeinen muß ein solcher Verlust immer beklagt werden. Ich hatte geglaubt, er würde uns Alle überleben. Nun bin ich begierig, wie sein Gefolge seine Arbeit fortsetzen wird; ob das Neue, welches er ins Leben gesetzt, fruchtbar sein kann u ob vielleicht etwas Gereinigteres als meiner unmaßgebl. Meinung nach seine Werke sind, daraus hervorgehen kann. Ueber den musikalischen Theil kann ich ja nicht urtheilen, wenn ich auch sagen darf, dß ich an keinem seiner Musikstücke wirkl.[solch Freude, wie an der unserer andern Meister,] gehabt habe, aber seine Absicht, ein Drama vollkommen musikalisch, zugleich mit allen Künsten der Mechanik, Prunkdarstellungen der Scenerie u. s. w. u. s. w. auszustatten, so dß doch das Drama u sein Inhalt realistisch die Hauptsache bleibt, nicht nur als Träger der Musik – das scheint mir eine Verwechslung u Verirrung, die zum Unsinn führen muß. Der Dichter des Macbeth u der Komponist des Don Juan in einer Person – scheint mir unmöglich u die Musik kann doch wohl nicht geeignet sein z. B. eine Weltgeschichte zu illustriren.
Wie ist’s denn mit Kalbeck ergangen? Nur mit 2 Zeilen sagen Sie mir, ob er Urlaub genommen hat, ob Sie ihn gegeben?
Herzl. Grüße an die Kinder
Ihr EB.

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 308f.
 

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