15.07.2019

Briefe



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ID: 18006 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 27.05.1880
 

Düsseldf. 27 Mai 1880.
Liebe Freundin!
Auf der andern Seite finden Sie meine Weisheit, die Ihnen bei Näherer Betrachtung vielleicht blecherner erscheinen wird als hier, wo Sie einige Vergoldung entdeckt haben. Ich will mich herzlich freuen wenn sie Ihnen in etwas nützlich sein kann.
Das Schwerste, Schwierigste u Zeitraubenste wird immer sein, ein[e] Auswahl zu treffen unter so unendlich Vielem! Wie Schade, dß man Sie nicht unterstützen kann! Ich würde es gern thun, selbst mit Hintansetzung meines 50 Jahre (u Mehr) alten, unentwirrten Knäuels von Briefschaften! Einmal muß ich aber doch daran, damit mein[e] Kinder nicht unter Papierqualen ersticken, dermaleinst! Auf der andern Seite könnten sie mit Hinzufügung einer Anzahl großer Kartons etc., auf Papier gezeichnet, ½ Jahr Heitzung sparen. Um aber auf Ihr Buch zurückzukommen, so meine ich, Sie sollten sich durch die Schwierigkeiten nicht abhalten lassen, dasselbe ans Licht treten zu lassen – mag es auch nicht vollkommen Ihren Wünschen entsprechen, mögen auch manche schöne Stücke übergangen werden müssen od. übersehen worden sein. Das Publikum merkt das Mangelnde nicht, ebensowenig wie Unsereiner die Veränderungen bemerkt, die ein weniger gewissenhafter Klavierspieler als Sie, einem Meisterwerke anthut, bei untergeordneteren Passagen. – Das Buch [würde] trotz dem sehr anziehend sein. In Betreff des H Behrendsen habe ich einsehen können doch in einem Programm der TiedgeStiftung, dß er bereits früher eine „Gabe“ von derselben hat. Ich habe daher sofort nach Dresden geschrieben u einem vertrauten Freund, Bürkner, Ihren Wunsch u seine Bedürftigkeit dringend ans Herz gelegt. 1878 hat er von dort 450 Mark erhalten; ob er auch 1879 etwas erhalten hat konnte ich bisher nicht ermitteln. Leider höre ich, dß die Ankäufe für eine Verloosung, von der ich Ihnen sprach, nur unter Gegenständen der h. Kunst u Gewerbe-Ausstellung gewählt werden sollen. Ich will mich aber doch noch näher zu erkundigen streben, ob nicht sonst etwas geschehen kann u behalte ich mir eine Mittheilung vor.
Zum Schluß, neben meinem herzl. Danke für Ihr herrl. Spiel u Ihre Anwesenheit überhaupt, die besten Grüße u Wünsche für Sie u die Kinder.
Ihr
EB.

Eine Biographie, die annähernd erschöpfend sein soll, kann meiner Meinung nach erst in einer Zeit geschrieben werden, wo alle Verhältniße und Beziehungen, künstlerischer u persönlicher Art, rücksichtslos besprochen werden können. Denn eine gewiße Zergliederung u Kritik ist bei einer solchen nicht zu vermeiden. Deßhalb meine ich, dß eine ausführliche Biographie Schumann’s jetzt noch nicht an der Zeit sei. Dagegen erscheint mir eine Biographie Sch’s höchst willkommen, welche schon jetzt die Umrisse seines Lebens, Charakters u Wirkens mit besonderer Bezugnahme auf eine Anzahl eingeschalteter Briefe u Auszüge zeichnete, dabei letztere den Hauptinhalt des Buches bilden müßten. Eine solche Biographie würde zu einem nähern Verständniß nicht nur der beigefügten Briefe sondern auch Schumanns selbst führen u Gelegenheit geben auf ganz positiver Unterlage die Grundzüge seines Charakters ohne Lobrednerei darzustellen. Eine Widerlegung von Angriffen gegen ihn oder eine Entgegnung von falschen oder irrigen Mittheilungen über ihn, würde mir nicht erwünscht erscheinen. Ich würde vorziehen dem Leser sich selbst ein Urtheil bilden zu lassen nach der authentischen Wiedergabe seiner eigenen Worte oder Auszüge u dergl. Diese letzteren könnten ja so gewählt werden, dß sie die Wahrheit offenkundig machten, ohne eine Polemik hervorzurufen, welche bei direkten Entgegnungen schwer zu vermeiden ist. –

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 273-276
 



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