15.07.2019

Briefe



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ID: 18007 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 27.06.1880
 

Df. 27.6.80.
Liebe Freundin!
Sie haben uns durch Frl Leser Eiliges von Ihnen mittheilen lassen u meine Frau, durch die ich davon unterrichtet wurde, sagt Ihnen den besten Dank mit herzlichen Grüßen.
Von mir wünschten Sie zu wissen, ob Sie sich an einer Agitation gegen die Wiwisektion betheiligen, Ihren Namen dazu geben sollten? Eigentlich hätten Sie Ihren Freund Billroth v Wien fragen sollen, der Ihnen eine competente Antwort gegeben haben würde. Dennoch glaube ich genug von der Sache zu wissen, durch den Umgang mit einen [sic] Ärzten u Anatomen, namentlich mit Henle in Göttingen, einem meiner ältesten Freunde, dem Freunde u Mitarbeiter des berühmten Johannes Müller in Berlin (todt) um Ihnen entschieden ab [zu] rathen. Die Wiwisektionen haben für zarte Gemüther etwas Abschreckendes u würden es auch für härtere haben, wenn sie nicht die Nothwendigkeit einsähen, die menschlichen Kenntnisse zu erweitern, zum Nutzen der Menschen.
Der Feldzug opfert Tausend von Menschen mit dem Bewußtsein ihres gewissen Todes u ihren Qualen, um das Vaterland zu retten, eine Schlacht zu gewinnen – Ebenso werden einige Hundert Hunde, Frösche Kaninchen u. s. w. u. s. w. geopfert, um die furchtbaren Leiden u Krankheiten der Menschen zu lindern und aufzuheben, u um die Kenntnisse vom Leben der Menschen und die Wissenschaft überhaupt zu fördern. – Auch läßt man sich die Beine gelegentlich abschneiden, um das Leben zu erhalten. Und wenn dies letzte Beispiel auch schief ist, weil die Beine ohne freien Willen sind, so paßt es doch in so fern, als ein Opfer statt findet, zu dem sich Arzt u Kranker schwer entschließen. – Daß Unfug mit der Wiwisektion stattgefunden hat, mag sein u ich kann nicht beurtheilen, in wie weit; jedenfalls dürfte nur gegen diesen agitirt werden u wird auch agitirt – womit wird aber kein Unfug getrieben? Ueber diesen Punkt ist öffentlich in den Zeitungen u ich mein auch in dem Abgeordnetenhause verhandelt worden. In alten Zeiten galt auch das Anatomiren für ein Verbrechen u für eine Gottlosigkeit – man hat sich aber beruhigt u eingesehen, dß es höchst nützlich ist. Von welcher Seite die Agitation gegen die Wiwisektion ausgeht, weiß ich nicht. Ich glaube zum Theil von Frömmlern, zum Theil von Unwissenden, zum Theil von Solchen die damit ein Mittel zu irgend einem, der Sache fernliegenden, Zweck verfolgen. Rich. Wagner scheint sie zu benutzen, um Brahms u sein Requiem zu verunglimpfen ohne zu bedenken, „wieviele Seidenwürmer gehalten werden, um einen Atlasschlafrock anfertigen zu können.“ – Nein, unterschreiben Sie nicht! – Wir haben uns sehr über Ihre guten Nachrichten in Betreff Ihres u Marie’s dortiger Thätigkeit gefreut. Weniger darüber, dß sich Eugenie die Hand verletzt hat – hoffentlich ists ohne böse Folgen. Uns geht es gut. Mir so gut, dß ich glaube mein altes Uebel endlich überstanden zu haben (ohne Wiwisektion). Wir leben in der Atmosphäre der Ausstellung u der Meininger ziemlich unruhiger als bisher u genießen Beides mit Vergnügen. Wir hatten nicht geglaubt soviel Interesse einbringen zu können. Auf ersterer ist doch mehr Anziehendes als man denkt u die Meininger haben den Vorzug, dß sie nur gute Stücke bringen, wenn auch nicht nur musterhaft. Und im August ein Musikfest! Hiller sagt „eine Ausstellung Düsseldfer Komponisten.“

  Absender: Bendemann, Eduard (174)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 276-279
 



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