19.12.2019

Briefe



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ID: 18019 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 15.06.1889
 

Düsseldorf d. 15t Juni 1889
Meine theure Clara!
Eben erhalte ich die Nachricht, daß unsre liebe Frl. Leser doch eine bessere Nacht hatte u so eile ich Ihnen gleich dies mitzutheilen! Die Arme hat viel Schmerzen in der letzten Woche zu ertragen gehabt an dem bösen Bein, so daß sie ganz matt im Bett lag, wenig aß u Niemand sprach! Natürlich waren Alle etwas besorgt, denn es ist die Rose mit doch ziemlich starker Entzündung. Eine Blase die sich bildete, öffnete der Arzt am Donnerstag Nachmittag u da ist Allerlei Blut u Eiter u Wasser herausgekommen,[u] scheint nun doch zum Guten geführt zu haben! – Die Schmerzen ließen nach! – Maria J. pflegt wirklich ausgezeichnet, macht der lieben Kranken Alles Tag u Nacht, u ist dabei so heiter u so glücklich daß sie das Verbinden mit Karbol u alle sonstigen Hilfsleistungen gut versteht, daß es wirklich zu bewundern ist! – Aber in der Nacht braucht Frl. Leser auch wenig; sie liegt still u geduldig, klingelt aber nach alter Gewohnheit um 6 U. weil sie meint, sonst verschliefe das Mädchen sich u. s. w. dann wäscht sie sich, kämmt sich die Haare u läßt so wenig wie möglich von den alten Gewohnheiten nach! – Etwas Wein mußte sie täglich auf des Arztes Wunsch trinken, auch nahm sie doch immer früh ihren Thee, dann etwas Erdbeeren, Mittags einige Spargel u Abends ein weiches[Ei] u eine Sardelle! – Ich hoffe ihre gute Natur überwindet nochmal diesen Stoß. Auch am übrigen Körper bekam sie etwas Ausschlag der sich durch besondere Waschungen bald milderte. Es scheint doch daß sich eine solche Stockung in den Blutgefäßen im Alter leicht bildet u öfter vorkommt! Vielleicht brachte die Hitze es bei der armen Frl. Leser zu schlimmerem Ausbruch. Seit Mittwoch haben wir es sehr schön, ein kühlerer Wind u doch herrliche Luft! – Nun auch viele Grüße vom treusten Freund Joachim, der Mittwoch 3 U. kam, mit uns aß, u dann von 5 U. – 7 U. mit Dr. Josephson uns herrlich vorspielte! Die köstliche Sonate von Ihrem Mann, C moll v. Beethoven u dann allein noch kl. Stücke von Bach. – Nachher saßen wir beim frühen Abendbrodt noch ganz traulich allein mit ihm u konnten uns in alter herzl. Art aussprechen! – Er ist doch so anhänglich, u so gleichmäßig edel u ernst in Allen seinen Ansichten, daß wir ihn nur immer lieber haben können u gerührt waren über seine Güte für uns 2 Alte! – Donnerstag gab er schon wieder seine Stunden in der Hochschule! – Daß Wüllner den Chor u das Orchester auf’s trefflichste leitete, war auch Joachim’s Meinung; nur die Art wie sie jetzt die Sinf. v. Beeth. dirigieren mit so gewissen Effekten ist ihm auch ganz fatal! Unser Otto war einige Male in Cöln u auch besonders erbaut v. Brahms Sinf. Aber auch die 2 Th. von Paradies u Peri haben ungeheuer gefallen u sollen sehr gut gesungen worden sein. Ich war sehr betrübt nichts davon genießen zu dürfen! Aber in so heißem Saal darf ich mich nicht wagen, u auch wieder im Zug u. dgl. kann man nicht mehr sein! – Gottlob geht es uns aber doch ganz leidlich! Möchte Ihnen es nur auch jetzt besser sein! Innigen Dank f. d. gestrigen Brief! Schreiben Sie mir nicht, nur etwas an Frl. Leser, womit Marie wohl auch hilft.
Wo mag Ferdinand sein? u ist er im Ganzen nun gesünder?
Wir hoffen im Juli nochmal n. Kiel zu gelangen, wo es gut gethan.
Mein Mann wünscht mit mir von Herzen gute Besserung u grüßt tausend Mal!
In alter Liebe Ihre L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 376ff.
 



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