19.12.2019

Briefe



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ID: 18036 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 01.05.1887
 

Düsseldorf d 1t Mai 1887
Theuerste Clara!
Ihre lieben Worte haben wir mit herzlichstem Dank erhalten, u mit größtem Bedauern erfahren, daß Ferd. seiner liebevoll-sorgenden Mutter guten Vorschläge in sonderbarster u unverständigster Art widerlegt! – Freilich ist er krank! Aber, als Mann müßte er doch das übertriebene Zartgefühl für seine Kinder, u andrerseits den großen Dank den er Herrn Mendels. schuldet nicht so falsch u konfus schildern. – Er bewegt sich in Gedanken u Gefühlen in lauter Widersprüchen; u doch begreift er wie durchaus richtig u anständig Ihr Schreiben an Mend. war daß man doch nicht ferner immer Gehalt nehmen kann, wenn man seit Jahren nur noch hin u wieder etwas arbeitet! – – Bleiben Sie fest in Ihrem Willen die Jungen n. Schneeberg zu geben (was ganz gut z. 1t Juli geschehen kann, wo z. B. auch unsre Enkel von Berlin abgehen, um dann in Kiel in’s Gymnasium einzutreten).
Denn da Ferd. noch so krank ist, die Knaben nicht übernehmen kann, die Mutter es ebenfalls nicht kann, muß er begreifen daß es ein Glück ist die Kinder in eine gute Schule u liebevolle Pflege geben zu dürfen! – Es ist gradezu ein großes Unrecht wie Ferd. sich über Pensionen u. s. w. äußert! Denn wie viele junge tüchtige Leute sind in solchen gewesen aus allen unsern Familien u sind es noch! Wie zufrieden war Joachim für s. Söhne in Schulpforta, u so könnte ich von verschiedensten Anstalten viele Beispiele anführen. – Natürlich gibt es überall Schattenseiten, aber die gibt es auch in jeder Familie! Wird Ferd. wieder besser u gesund, so ist ja die Möglichkeit da einen der Knaben wieder zu sich zu nehmen! – Aber er darf garnicht so weit in die Zukunft denken, wie wir Alle nicht; denn im menschlichen Leben treten ja immer wieder unverhoffte Wendungen ein, u wer nächstes Jahr noch lebt, noch lernen u schaffen kann – wer weiß das? –
Mit dem Gelde ist er auch konfus. Die Schneeb. Pension ist wohl billiger; denn in den 600 M ist die Schule mit einbegriffen! Auf die Pension in Berlin würde ich nicht eingehen, da hat die Mutter dann wieder zuviel Einfluß. –
Da Ferd. noch so elend ist, muß seine Frau natürlich noch für ihn sorgen, also ist es wohl das Beste sie blieben bis Ockt. in der Wohnung, denn wenn er auch im Sommer fort kann müssen ihre Sachen doch irgendwo bleiben! Vorwürfe brauchen Sie sich nie zu machen, was u wie es auch kommt! Sie u wir Alle thun nach Kräften in treuer Sorge u bester Überlegung was wir können; aber wie dann das Geschick waltet, das steht in höherer Hand! Das haben wir Alle erfahren! – Gewiß möchte man täglich Alles noch besser machen können für die Seinen u für Vieles Andere – aber beste Clara! Wer solche treue u liebevolle u nachsichtige Mutter ist wie Sie darf sich nie Vorwürfe machen! –
Beunruhigen Sie sich möglichst wenig; u sagen Sie an Ferd. einfach u bestimmt was Sie thun wollen [u was Sie für richtig erkannten!] Bleibt er trotzdem in seinem Eigensinn u Unverstand, nun so können Sie ja als immer gütige Mutter schließlich sagen: „Das u das schicke ich Dir an Geld vierteljährlich u damit basta; dann macht was Ihr wollt u laßt uns in Ruhe!“ –
Wie froh sind wir daß die armen Sommerhoff’s doch gesund mit den andern Kindern zurückkamen; uns war so bange um weitere Ansteckung! – Mit Frl. Leser u meinem Mann habe ich die Briefe10 aufmerksam gelesen u Beide haben mir gerathen mit einigen Grüßen so zu antworten, wie ich es that! – Aber geliebte Clara, lassen Sie sich auch durch uns nicht weiter beeinflussen als es Ihnen u den Töchtern passend scheint, denn wir stehen doch Alle den trüben Verhältnissen fremd gegenüber! –
„Vorwärts mit Gott“ rief immer der alte Blücher u thue auch ich täglich wenn Muth u Geduld oft sinken! – Unser Felix schrieb nochmal v. 5t Apr. aus Capstadt im Ganzen Gutes u schwimmt mit s. Admiral nun gen England, wo sie hoffentlich bis z. 10t Mai anlangen! – Dann kann er vielleicht gleich zuerst herkommen u hier seine Helene treffen. – Wir müssen warten bis er von England telegraphiert. Vielleicht sind Steinmetz bei Ihnen gewesen oder kommen noch; sie erfreuten uns am Mittwoch durch kurzen Besuch u wollten Ende dieser Woche wiederkommen! In treuer Umarmung Ihre alte L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 346-349
 



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