19.12.2019

Briefe



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ID: 18042 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 17.11.1891 bis: 18.11.1891
 

Düsseldorf den 17t Nov. 1891
Meine theure Clara!
Durch das schwere Leiden meiner armen Schwägerin Schadow in Berlin u den nun am Sonnabend erfolgten sanften Tod, hatte ich nebst manchen andern Sorgen in den letzten Wochen viel zu thun mit Schreiben, Überlegen, u Kopf u Herz waren recht bedrängt u bedrückt! – Sonst hätte ich Ihnen für den lieben Brief v. 2t d. M. schon früher gedankt u so recht herzlich gebeten, Sie möchten Alles ruhiger nehmen u immer in den heitren Dingen, u in den schönen Erinnerungen u erhebensten Eindrücken, deren Sie ja unendlich mehr, denn Tausend Andere Sterbliche hatten, sich wieder Kraft u Frische erringen! – Denn sicher haben nur die vielen schmerzlichen Eindrücke u große Überanstrengungen Ihren Kopf so angegriffen u die Nerven so sehr gereizt! –
Nun kam ich gestern zu Frl. Leser um der teuren Freundin das Scheiden meiner lieben Schwägerin mitzutheilen, u fand sie betrübt über den Inhalt Ihres letzten Briefes in dem Sie leider noch so viel über das schlimme Sausen u Tönen im Kopf klagen! – Wie furchtbar leid uns das thut u wie gern wir Besserung bringen möchten, begreifen Sie! – Ja, am liebsten flöge ich zu Ihnen! Aber das ist nun unmöglich, u könnte ja nur noch mehr Sorgen in Ihr schon volles Haus bringen. Denn ich kann nur durch Vorsicht, Ruhe u regelmäßiges Leben mich leidlich wohl erhalten u habe darum längst auf Vieles verzichtet! Wäre ich kräftig genug müßte ich heut in Berlin sein zur Beerdigung; – aber alle solche Sachen die körperlich u geistig erschüttern muß ich vermeiden! Und so ist denn mein guter Felix von Kiel n. Berlin geeilt um mich zu vertreten; auch meine Hedwig wird der Trauerfeier beiwohnen! Die Schwiegertochter [hier] (die die Stunden giebt) ist für wenig Tage auch in Berlin, denn ihr Söhnchen ist mit Fieber u Wasserpocken im Bett u so verließ sie die zarten Kinder doch gestern nur in Unruhe – Natürlich sorgen Wine11 u ich u Marga Hübner gern in diesen Tagen mit für beste Pflege! –
Es ist eben überall viel, was alle Geduld u allen Muth immer wieder erfordert, um so dankbar u so tapfer weiter zu kämpfen, als es irgend möglich ist! – Sie geliebteste Clara waren uns ja immer darin das herrlichste Beispiel u so hoffe ich, Sie finden nun auch bald die Ruhe u die Zufriedenheit, damit nebst manchen nöthigen Mitteln die bösen Zustände schwinden! – Daß Sie auf die frühere große Thätigkeit nun werden verzichten müssen, ist gewiß so schwer für die warme Künstler-Seele, wie ich es nur ahne! Aber im Gefühl, wie lange u wie viel Sie durch Ihre Kunst uns armen Menschenkindern an Erhebung, Freude u Glück brachten, können Sie doch nur aufjauchzen, u Gott loben u preisen, u danken für eine so herrliche Gabe die er Ihnen verlieh! – Wie oft sagte mein Mann: „Frau Schumann ist die glücklichste Künstlerin, denn nie hat sie von Tadel u Nichterfolgen das Geringste gehört, Alles jubelte ihr nur zu“!! – So könne [sic] Sie doch wahrlich nur bei allem Schweren, was Ihnen geschickt wird, das Gute hoch halten das viele Jahre immer durch Ihre herrliche Kunst Sie stärkte u auch ferner Ruhe geben wird! – Aber Sie müssen sich mit Heiterem zerstreuen, u nicht grübeln, u kleine unschuldige Beschäftigungen vornehmen, dann werden die unruhigen Nerven schon wieder zur Ruhe kommen!
Den 18t. Gestern konnte ich nicht mehr zum Schluß kommen geliebte Clara u kann nun heut nur bitten, daß Sie meine Worte in alter Nachsicht aufnehmen u den Brief lieber gleich verbrennen! Er ist so im treusten Mitgefühl geschrieben, aber den Kindern vielleicht kaum verständlich u ich möchte nicht irgend eine Unruhe damit bringen, statt Trost u Ruhe wie ich es so von Herzen möchte! – Noch eines möchte ich sagen daß Sie auch die Geldangelegenheiten recht in aller Ruhe überlegen müssen! – Daß man im Alter auch da sich vereinfachen lernt, u manchen Wunsch oder auch früher scheinbar Nöthiges, bei Seite legt, bringt ja eben der natürliche Lauf des Lebens fast überall mit sich! – Doch genug! Ich denke u hoffe sicher daß sich Alles, wenn auch mit vielen Entbehrungen, zum Guten gestaltet u der böse Kopf bald stille Träume u heitre Töne statt der unruhigen bringt. – Kinder u Enkel müssen der vielgeliebten Mutter u Großmama das Leben in angenehmster u zufriedenster Weise erleichtern, recht im Gefühl des Dankes sie zu besitzen u durch Freudiges ihr Alles zu erleichtern! Mit diesem innigen Wunsch u in der Hoffnung bald Gutes zu hören umarmt Sie im Geiste
Ihre getreue
Lida B

Frl. Leser ist recht munter, aber natürlich doch immer etwas älter im Ganzen, aber in wahrer Theilnahme immer dieselbe. –

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 436ff.
 



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