19.12.2019

Briefe



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ID: 18043 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 27.02.1894
 

Düsseldorf den 27t Febr. 1894
Sie treuste geliebte Clara!
Wie wohl that mir immer, u nun besonders, wo Sie sich so lebendig auch in meines Felix schwere Prüfung versetzten Ihre Liebe u Ihre selten warme Theilnahme! Innigen Dank für den 2t Brief v. 22t der ja die herrliche Kunde enthält, daß wir Ihr Herkommen schon bald erwarten dürfen! Ach! möchten Gesundheit u Witterung keine Hinderniße sein. Natürlich theilte ich den Brief gleich an Frl. L.u Schönerstädt mit, die ja natürlich auch so glücklich sind; gestern konnte ich denn auch zu Frl. Leser fahren da die Luft milder war bei freilich unendlichem Regen; 2 Tage hatten wir noch Schnee gehabt, vorher recht rauhen Frost! So ist man bei dem ewigen wunderbaren Wechsel dieses Winter’s nur ängstlich wie es in 3–4 Wochen sein wird! – Ach geliebte Clara, wenn Sie u die liebste Marie die 2 Treppen nicht scheuten, wäre es doch zu schön, Sie kämen in alter Gemüthlichkeit zu mir u blieben in rechter Ruhe etwas länger! Dann theilte sich die Zeit auch so gut ein u Sie müßten durchaus ganz con amore nur bei sich Alles eintheilen u einrichten! Überlegen Sie es! Kommt Zeit, kommt Rath! Und hoffen wir auf ein baldig Wiedersehen! – Von Felix hatte ich schönste ergreifende Briefe über das ganze Unglück; u wie furchtbar, ja das Schwerste was er erlebte, die ½ St. war, in der er oben auf Deck stand sein Schiff zu leiten, u wußte da unten bei der Maschine sind 40 brave Leute im siedenden Dampf geopfert, Niemand kann helfen! – Die Ohnmacht des Menschen zeigt sich da in aller Macht, u Fügung in den höheren Willen muß Kraft geben – Er war einige Augenblicke in s. Cajute [sic] hinunter gegangen einen andern Capitän (von der Prüfungs-Commission) zu sprechen als Beide den ganz eigenthümlichen Knall hören u rufen: „Das ist in der Maschine!“ Felix stürzt hinaus an die Wasserseite – da strömt schon gleich der Dampf, also natürlich er hinauf auf Deck „Alle Mann auf Deck“! Das Schiff war keinen Augenblick in Gefahr, aber das Unglück bei d. Maschine unabwendbar! – Ein Glück dabei war daß die jüngern Offiziere mit den Mannschaften oben bei den Thürmen u. s. w. ihre Exercitien machten, denn der Dienst geht ja täglich vor sich wie in einer Schule, auch wenn sie fahren! Erst nach 5/4 St. konnten sie wagen näher zu treten nachdem die Leute die Feuer gelöscht u die Kessel Alles herausgerissen wurde. Dabei benahm sich Jeder heldenhaft, kein Wanken, sondern nur seine Pflicht erfüllend – so daß es über Alles Lob erhaben war zu Felix großem Trost! 8 Leute hatten sich durch Energie eines Ingénier [sic] schnell in untre Räume gestürzt die sie schließen konnten u wurden dann nur wenig verletzt hervor geholt; – Aber über 40 sind dahin! Die Beerdigung war so fürchterlich u ergreifend wie wohl selten Ähnliches. Aber noch rührender war es Felix, als sie letzten Freitag 2 Maschinisten, die nicht gleich todt, sondern schwer verletzt noch im Lazarett lagen u dann doch starben beerdigt wurden! – Dabei die Braut des Einen, ein allerliebstes junges Mädchen in so schönster frommer u ernster Haltung, daß es wirklich Alle ergriff u imponirte. – Viel zu thun u zu sorgen hat F. u da seine arme Helene immer noch an Nacken u Rückenschmerz leidet, hat er auch diese Sorge! – Aber die große Theilnahme that Beiden sehr wohl, wie auch uns! H. hat viel Besuch, selbst von Prinz Irene mit d. kleinen netten Waldemar! Und f. d. Hinterbliebenen wird reichlich gesammelt! – Ade, ich habe auch noch immer nach allen Seiten zu schreiben
Vorwärts mit Gott geliebte Clara! Innig umarmt Sie Ihre L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 467ff.
 



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