19.12.2019

Briefe



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ID: 18048 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 12.05.1894
 

Düsseldorf d. 12t Mai 1894.
Zum schönen Pfingstfest muß ein Gruß zu den geliebten Schumann’s fliegen mit dem innigen Wunsch daß es Ihnen theuerste Clara gut geht, u Sie auch nicht durch besondere Sorgen erregt sind! Lange schon hörten wir nichts mehr, was unsre liebe Frl. Leser wohl ammeisten entbehrt, da sie nicht so viele Thätigkeit, Anregungen u Pflichten aller Art hat wie ich! Mir schwinden die Tage oft in Blitzeseile ohne, daß ich ein Buch oder eine Handarbeit ergreifen konnte! Donnerstag war ich Nachmittags einige Stunden bei Leser’s, was ich ja so gern thue u mich jedes Mal der großen geistigen Frische der treusten alten Freundin erfreue! Besonders, bleiben wir allein, so daß ich ihr etwas vorlesen kann aus guten Aufsätzen a. d. „Rundschau“ worüber man dann wieder spricht u Belehrung u Freude hat! – Heut vor 7 Wochen lebten wir in der herrlichen Erwartung Ihres Kommens meine Clara! Und wie dankbar bleibe ich hier für jede Stunde u jeden Ton der Erquickung aus den schönen Stunden! Kaum zu glauben, daß so viele Wochen darüber hineilten. Seitdem haben viele andre Eindrücke mich erfreut u beschäftigt! Aber über Alles tönt die köstliche wohlthuende Empfindung der Tage mit Ihnen; u besonders wenn große Wehmuth mich öfter überkommt! dann lebe ich in solchen u manchen andern wohlthuenden Erinnerungen um wieder Kraft u Frische für die Gegenwart zu erlangen! – Meine arme Helene wird nun in 10–14 Tagen n. Pyrmont gehen, das die Aerzte (auch hier Geh. R. v. d. Steinen) für das Richtige halten um den bösen Nackenschmerz zu lindern u die Nerven zu stärken. Pyrmont hat Stahl u Salzquellen, ist eines unsrer ältesten bewährten Bäder u v. Kiel am schnellsten zu erreichen! Natürlich bringt Felix seine Frau hin u sucht sie gut unterzubringen; auch wird eine treffliche Bonne die bei d. Kindern war zuerst bei ihr bleiben, denn sie muß etwas Hülfe u Gesellschaft haben! Bleibe ich wohl, so gehe ich gern in der letzten Mai-Woche zu d. Kindern n. Kiel, da es H. eine Beruhigung das liebe Volk doch unter liebevoller u zugleich etwas strenger Aufsicht zu wissen! Auch genieße ich dann meinen theuren Sohn, der doch öfter zwischen allem Dienst u Übungen nach Hause kommen kann! – In der nächsten Woche hoffe ich meine berliner Schwiegertochter einige Tage hier zu haben, die die Feiertage beim einzigen Sohn in Darmstadt verlebt, wo er sein einjähr. Dienstjahr abmacht als Artillerist. – Meine Schwägerin Hübner ist ganz glücklich in ihrem schönen Loschwitz wo Blumen u Blüthen auch schon selten schön sind, wie überall! – Sie hat die Schwiegertochter aus Göttingen mit 4 Kindern zum Fest bei sich, auch 2 Söhne u 1 Enkelin aus Berlin, will dazu noch am 16t einen größeren Thee geben mit den befreundeten Nachbarn u ist doch bewunderungswürdig in ihrer Frische u Theilnahme für Alles! Natürlich wünscht sie daß ich bald zu ihr komme!
„Wie Gott will“, sage ich mir täglich oft! Und so denn adio, meine Clara! Nehmen Sie in Nachsicht mein Geplauder u seien Sie mit Marie innig umarmt von Ihrer getreuen L Bendemann

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 478ff.
 



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