19.12.2019

Briefe



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ID: 18049 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 12.07.1894
 

Düsseldorf den 12t Juli 1894
Ihr lieber Brief meine theure Clara, folgte mir doch noch n. Kiel, das ich mit den 4 jüngsten Kindern erst am 2t Abends verließ, denn die Ferien begannen, am Samstag zwar, aber da waren wir noch nicht reisefertig; auch war mein Sohn sehr an seine „Brandenburg“ gebunden, so lange der Kaiser anwesend. Dieser verließ auf seiner „Hohenzollern“ am Montag Vormittag Kiel; u da konnten denn die Herren Kommandanten der andern Schiffe sich auch wieder freier bewegen u mein geliebter Sohn noch am Mittag mit uns sein u uns zur Bahn geleiten! – In allen Sorgen u Mühen hält er sich tapfer u frisch; seiner H. bekommen die Bäder in Pyrmont doch gut; wenn sie auch noch recht angegriffen u der Ruhe u Stärkung sehr bedürftig ist, so kann sie doch gerader gehen, hat wenig Schmerzen, u schreibt jetzt so lange Briefe, daß wir schon daraus die Besserung u Kräftigung ersehen! – So helfe denn Gott gnädig weiter! – Ja, meine Clara, wie treu Sie Leid u Freud mit uns fühlen weiß ich, u danke es Ihnen immer wieder von ganzem Herzen! – Nichts Schönres gäbe es ja, als Mal einige Tage mit Ihnen auf dem Rugen in der schönen Luft sitzen zu können u so recht con amore unsre Herzen gegenseitig auszutauschen! – Aber, das wäre fast zu ideal für mich! – Auch bin ich so unendlich froh u dankbar Kindern u Enkeln etwas Hülfe zu sein, habe auch in Kiel die gute Luft sehr genossen, mich immer wohl gefühlt. Aber ich lebte still u vorsichtig, machte nur hin u wieder Besuche bei den nächsten Freunden, die Alle mir immer aufs Herzlichste entgegen kommen! An 2 Sonntagen speisten wir bei unserm lieben Kommandanten in seiner hübschen Kajüte, u saßen dann beim Cáffee lange oben „auf Deck“ die Luft, die blaue See u das reizende Getriebe der Segler u Dampfer u kl. Boote genießend! – Das ist so ein ganz anderes Leben in der Marine, aber durch die Frische u Tüchtigkeit der Höchsten wie des einfachen Matrosen immer anregend u wohlthuend. –
Meinem Enkel Herrmann bekommt sein Dienst als junger Seekadett vortrefflich; eben ist er mit der „Stein“ in Christiania angekommen, um die Kaiserin wieder n. Kiel-(Wilhelmshöhe) zurück zu bringen! – Seine Mama hier hütet die beiden netten Mädel: Irma u Lida, in diesen 4 Wochen natürlich wie eine treuste Mutter! Beide dürfen jetzt die schönen Ringe von Ihnen tragen, u sind sehr stolz damit. Ich habe die 2 Kleinen bei mir von 9 u 5 Jahren, ein lustig Völkchen das gar keine Mühe macht! – Daß auch Sie geliebte Clara durch Ihre Jugend erheitert werden, freut mich gar zu sehr! Halten Sie nur recht daran fest, u erzählen Sie den Großen recht viel aus Ihrer schönen Vergangenheit, was sicher belehrend u erfreuend wirkt! – Scheuchen Sie die trüben Gedanken fort, so daß auch die körperlichen Leiden dann erträglicher werden! – Bei Frl. Leser war ich gestern etwas länger; sie ist von der Hitze leicht so ermüdet, auch in den Augen, daß sie eben nur in Stunden kühlerer Temperatur ausgehen muß! – Aber sonst ist sie munter, liest viel in den einsamen Stunden, u erzählt so lebendig über Herder – Goethe u das, was sie las, daß ich sie nur bewundern konnte! – Maria J. ist schon länger allein mit ihr, was nicht recht ist von der Elise – diese macht es sich gern bequem.
Frl. Schön. schwankt noch mit ihrer Reise u Frl. Maassen; aber ich glaube doch, daß Beide am liebsten sich zur Schweiz wenden u gern Ihnen u der liebsten Marie nahe[.] Dieser allerherzlichsten Gruß, auch an Eug. die wohl bald kommt. – In Kiel sprachen wir oft von Ihnen! –
Adio, es ist Essenszeit u die 2 Kleinen haben „furchtbaren Hunger“. Es küßt Sie Ihre treue L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 483ff.
 



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