19.12.2019

Briefe



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ID: 1805 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 31.05.1849
 

Bad Kreischa bei Dresden
d. 31sten Mai 1849.
Verehrter Freund,
Hrn. Reinecke’s Erscheinen in Dresden war ein so flüchtiges – die Revolution zerstob uns nähmlich nach allen Winden, nachdem wir uns nur einmal gesprochen, – daß ich ihm wegen Ihrer Anfrage nach der Scene aus Faust keine bestimmte Antwort geben konnte. – Das Stück ist mir nähmlich für den Aufwand, den es verlangt, zu kurz, und ich dachte immer noch einiges andere aus Faust dazu zu componieren – bis jetzt kam es noch nicht dazu, doch hoffe ich noch immer.
Wie das Stück jetzt dasteht, möchte ich es nicht in die Oeffentlichkeit bringen. Aber, lieber Freund, würde Ihnen die Composition nicht vielleicht zu leipzigerisch sein? Oder halten Sie L. doch für ein Miniaturparis, in dem man auch etwas zu Stande bringen könne? Im Ernst – von Ihnen, der so viele meiner Compositionen kennt, hätte ich etwas Anderes vermuthet, als im Bausch u. Bogen so ein Urtheil über ein ganzes Künstlerleben auszusprechen. Betrachten Sie meine Compositionen genauer, so müßten Sie gerade eine ziemliche Mannigfaltigkeit der Anschauungen darin finden, wie ich denn immer danach getrachtet habe, in jeder meiner Compositionen etwas anderes zu Tag zu bringen und nicht allein der Form nach. Und warlich, sie waren doch nicht so übel, die in Leipzig beisammen waren – Mendelssohn, Hiller, Bennett u. a. – mit den Parisern, Wienern u. Berlinern konnten wir es allenfalls auch aufnehmen. Gleicht sich aber mancher musikalische Zug in dem, was wir componiert, so nennen Sie es Zeitgeist oder wie Sie wollen, – alle verschiedenen Kunstepochen haben dasselbe aufzuweisen, und Bach, Händel, Gluck, später Mozart, Haydn, Beethoven sehen sich an hundert Stellen zum Verwechseln ähnlich (doch nehme ich die letzten Werke Beethovens aus, obgleich sie wieder auf Bach deuten). Ganz original ist keiner. So viel über Ihre Aeußerung, die eine ungerechte und beleidigende war. Im Uebrigen vergessen wir vergessen wir des Abends – ein Wort ist kein Pfeil – und das Vorwärtsstreben die Hauptsache. –
Sie bleiben noch einige Zeit in W., wie mir Reinecke sagte. Da kommen Sie vielleicht nach Leipzig zur Aufführung meiner Oper (vermuthlich Ende August). Ich will, wenn Sie es wünschen, Ihnen später den Tag genauer melden. Durch Ihre Vermittlung wäre wohl im Winter auch eine Aufführung in W. in’s Werk zu setzen, was mich freuen sollte. –
Sonst leben wir – von der Revolution vertrieben – hier in traulicher Stille – und die Lust zur Arbeit, wenn auch die großen Weltbegebenheiten die Gedanken in Anspruch nehmen, – will eher wachsen, als abnehmen. Ich war im ganzen vorigen Jahre und neuerdings unausgesetzt sehr thätig – es erscheint ziemlich viel in der nächsten Zeit, Größeres und Kleineres. Eine bedeutende Arbeit habe ich so ziemlich vollendet, eine Musik zu Byron’s Manfred, den ich mir zu dramatischer Aufführung bearbeitet, mit Ouverture, Zwischenacten und anderen Musikstücken, wie sie der Text in reicher Fülle darbietet. – Auch ein Gesangalbum für die Jugend – nach Art des Clavieralbum’s, – erscheint bis zum Schluß des Jahres. –
Nun genug. Schreiben Sie mir auch ein Wort von Ihrem Leben u. Thun.
Meine Frau empfiehlt sich Ihnen; die Kinder fangen schon an rechte Musikliebe zu zeigen.
Vielmals grüßend
Ihr ergebener
R. Schumann.

Wo ist Wagner?

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Kreischa
  Empfänger: Liszt, Franz (964)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
146-149
 



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