19.12.2019

Briefe



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ID: 18050 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 23.08.1894
 

Loschwitz bei Dresden 23t Aug. 1894.
Meine geliebte Clara!
Aus Ihrem alten Heimathlande eilen nun warmer Dank u Gruß zu Ihnen in die schöne Schweiz, in der es ja Gottlob den lieben Schumann’s bisher so gut erging! Wie freute mich Ihr lieber Brief mit den liebevollsten Worten u Wünschen, u mit allen guten Nachrichten sonst. Tausend tausend Dank, daß Sie so viel Zeit mir schenkten, u gewiß noch Marie’s richtige Warnung dabei hören mußten: „Mama schreibe nicht so viel“. Alle Briefe folgten mir am 17t hierher, wo ich nach guter Nacht in Leipzig bei meiner treuen Frau Howard, schon Vormittags anlangte, u nun voller Dank bei der seltnen alten Schwägerin, die in keiner Art gealtert ist, so gern noch einige Wochen zu bringe! – Geschäfte u Pflichten aller Art, hatten meine Zeit sehr gedrängt, so daß ich es für richtig hielt, nun ich freier wurde, keinen Tag zu warten, sondern ruhig d. 16t zum Reisetag zu nehmen! Ich mache mir aus der Geburtst Feier so garnichts mehr – im Gegentheil der Tag macht mich so wehmüthig, daß mir Ruhe u stilles Erinnern an schöne Vergangenheit das Liebste war! Zudem wurde ich ja schon um 6 Uhr vom jungen Howard in Leipzig empfangen u saß bald bei seiner Mutter am Blumen geschmückten Tisch, u in behaglichstem Austausch unsrer Erlebnisse u Gefühle! – Sie begrub ja auch den geliebten verehrten Mann vor einigen Jahren, u so empfinden wir ganz Gleiches. Cornelie Schunk war schon länger fort zum Baden in Ragatz, dann in Stachelberg, u wollte noch in Interlaken „im Jungfraunblick“ bleiben, wohl um Wach’s zu genießen, die sie sehr liebt! – Sollten Sie diese alte Freundin zufällig sehen, so bitte sagen Sie ihr viele herzliche Grüße von mir, u wie leid es mir war sie in Leipzig nicht besuchen zu können! Wie gern würde ich nochmal Wach’s kennen lernen denn auch uns geht es ja so zu Herzen, gedenkt man der herrlichen Stunden mit Felix Mendelssohn u daß man noch ein Kind von ihm sehen u sprechen könnte! – Ich hoffe, Sie sehen sich doch nochmal mit dem liebenswürdigen Paar! – Unsrer lieben Frl. Leser theilte ich gleich von Ihrem Briefe mit; es geht ihr ganz gut wie mir gestern mein Mariechen E. schreibt, die sie besuchte. Aber bei dem vielen Regen u Wind konnte sie in den letzten Wochen nur wenig auswandern, u entbehrte dann sehr Bewegung u Luft! Solch’ Fahrstuhl würde grade ihr wenig nutzen beste Clara; der armen Blinden ist schon die ganze Art des Einsteigen, Sitzen u. s. w. fremd u unbequem, u ohne arges Stoßen u vieles Ausweichen auf dem Pflaster ginge es nicht ab bis sie in glattem Wege aus ihrer Wohnung käme! Dazu ist Frl. L. ja gerade die Bewegung des Gehen’s das Liebste. Man muß im hohen Alter immer mehr Geduld üben u so kann Frl. L. eben nur hin u wieder bei milder Luft, ohne Wind u Näße ihre Promenade machen! Meine Schwägerin hier geht nur noch wenig im Hause oder Garten umher, ist aber bei bestem Apetit verträgt noch Obst in Menge, u alle sonstigen schweren Speisen feiert selten, u machte nur 1 Mal Kamminfeuer neulich auf meinen Wunsch, weil die Zimmer bitter kalt waren nach allem Wind u Regen. Heut endlich ist es wärmer u besser u man konnte sich schon früh im Garten aus sonnen! Zum Glück war es aber in der Nordsee besser. – Einige Worte sendet mir Felix eben v. 21t aus Helgoland wohin er mit seiner „Brandenburg“ bei angenehmem Wetter gut gelangte, u ist er nun mit dem gr. Manöver-Geschwader in der Nordsee zu weiteren Übungen vereint. – Seine liebste Helene kehrte nun a. Schierke im Harz, wo sie 6 Wochen die verordnete Nachkur tapfer aushielt n. Kiel zurück, u ich hoffe bald Nachricht zu hören. Im Ganzen thaten Bäder u gute Luft sehr wohl! Sie geht wieder grade, fühlt sich frischer, muß aber vorsichtig so leben, daß sie möglichst die leicht wiederkehrenden Nackenschmerzen bekämpft. Den Enkeln Allen u den andern Kindern geht es gut. Sie sind überall verstreut nach Nord u Süd.
Hier ist immer viel Besuch im Hause, u auch von Freunden! Meine Nichte die Geh. R. Hübner ist mit 2 Töchtern schon länger bei der Großmama, u auch 1 Groß-Neffe Hübner, Bruder des Heinr. der bei mir in Düsseld. ist. Ebenfalls Maler! Ein neues herrliches Bild von Murillo sah ich mir gestern in der Gallerie [an] u erbaute mich dort an Vielem! Da ist man immer in bester Gesellschaft
Doch nun adio theuerste Clara! Viele herzliche Grüße sendet meine Schwägerin u ich umarme Sie u die Töchter im Geiste in alter Liebe! Ihre getreue L. Bendemann

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Loschwitz bei Dresden
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 488ff.
 



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