19.12.2019

Briefe



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ID: 18052 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 20.10.1894
 

Düsseldorf d. 20t Ockt. 1894
Wie ich so ganz besonders in den letzten Tagen Ihrer, theuerste Clara gedachte, u mit dem lieben alten Freunde von Ihnen so viel sprach, muß ich mit innigem Gruß aussprechen! – War es mir doch immer als müßten Sie auch zu uns treten, sah ich wie Joachim sein Pult neben dem Flügel bei Prof. v. Gebhardt, wo er wohnte, zurecht rückte; u vergangene schöne Zeiten im Stillen an mir vorüber zogen. – Es war sehr freundlich von H. v. Gebhardt daß er selbst kam mich zum Mittwoch Vormittag zu sich einladen, da Joachim schon brieflich versprochen hatte gleich nach seiner Ankunft mit Dr. Josephson u Herrn Bartel bei ihnen Trio zu spielen. – Und so hörte ich denn das köstliche großartige Trio von Ihrem theuren Mann, u nachher das D dur von Beethoven! Da erbaute u erfrischte ich mich wahrhaft, denn so im behaglichen Zimmer genieße ich solche herrliche Werke noch im vollsten Dank! – Marie Joachim, die ebenfalls z. Concert engagiert war, sang eine Arie aus dem re pastore v. Mozart mit der Violin-Begleitung des Vater’s sehr gut, aber zu stark. Ihr fehlen die Piano’s sehr, u das findet auch er J. mit dem ich andern Tages, wo er früh ½ St. allein zu mir kam, ganz ehrlich darüber sprach. – Außerdem sang sie die große Arie aus Fidelio – auch da fehlte die Wärme, u man kann nur bedauern, daß das nette u so gut aussehende Wesen mit all’ den schönen Anlagen sich nun durch das Singen der Wagner’schen Opern ganz bald abschreien wird! – Ich begreife die Mutter nicht die ihr die gute Aussprache u den schönen Ton-Ansatz lehrte, aber nicht wie sie Maaß zu halten hat mit der starken Stimme, u wie man die Menschen auch mit milden Tönen grade am schönsten erfreut u anzieht. – Mittwoch Abend fuhr ich in die Generalprobe, um doch das Concert v. Brahms zu hören, das J. gewiß herrlich spielte! Der erste Satz ist zu schwer für uns arme Laien, aber der Mittelsatz u der Letzte erfreuten u interessirten sehr! Dann spielte J. noch ein wundervolles Adagio v. Spohr. – Am Donnerstag blieb ich still zu Hause, um Kopf u Augen wieder in’s Gleichgewicht zu bringen, denn in solch’ volles Concert kann ich mich überhaupt nicht mehr begeben! Die Gebhardt’s, Josephson’s u Batls hatten natürlich die Mittage u Abende schon Alle mit Joachim sich eingerichtet, u so konnte meine Bitte, auch Mal bei mir zu speisen mit seinen Wirthen nicht erfüllt werden, was ich ja auch begriff! – Freitag mußte J. wieder in Berlin sein! Aber er sagte mir, daß er im Nov. nach Frankf. käme u sich freue Sie also bald zu sehen. Über Eugenien’s treffliche Erfolge sprach er sehr erfreut u wie beliebt sie in London sei u wie hübsch sie spiele. –
Nun genug meine Clara! Lächeln Sie etwas über das Plaudern der alten Freundin? – Viele Grüße von Frl. Leser von der ich komme! Sie ist im Ganzen wohl; aber Maria J. ist durch eine fatale Darmgeschichte noch nicht wieder gut, u bleibt noch meist im Bett. Aber es bessert sich langsam, sie aß mit Apetit u schläft auch wieder! – Ich hoffe meinen Felix nächste Woche hier zu haben! Er mußte nach Stettin, Berlin, Leipzig, u vielleicht Frankf. Also möglich, daß er bei Ihnen anklopft! Möchte es Ihnen nur gut gehen u den Kindern u Enkeln auch!
Adio theuerste Clara! Geben Sie wieder Unterricht?
Immer in alter treuer Liebe Ihre L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 492ff.
 



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