19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 18053 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 28.11.1894
 

Düsseldorf den 28t Nov. 1894
Meine theure Clara,
Wie so oft bin ich im Geiste an Ihrer Seite in alter Liebe u warmem Dank u wie froh sind wir, hören wir Gutes von Ihnen u den Kindern! – Ihr letzter Brief v. 30t Ockt., u auch der an Frl. Leser wurden nur zu gern gelesen u wieder u wieder genossen! Daß Sie mit den beiden großen Musikern schöne Stunden genießen, u selbst mit thätig sein konnten, war doch herrlich; das stärkt u erquickt sicher auch Ihre Nerven, u erleichtert doch auch die unvermeidlichen Beschwerden des Alter’s! Immer muthig u frisch vorwärts geliebte Clara! Geben Sie den trüben Gedanken nicht Raum, sondern lassen Sie die schönen u seltensten Erinnerungen Ihres Künstler Leben u Schaffen so recht lebendig Ihre Seele durchziehen! Wie viele u kostbarste Stunden konnten Sie Ihren Nächsten Ihren Liebsten, u der ganzen Welt durch Ihre Töne geben, u damit uns Bestes u Höchstes in den Herzen erwecken! – Vergessen Sie nie welch’ köstliche Gaben Gott Ihnen schenkte u wie Sie dadurch wirklich „ein Liebling der Götter sind“! – Jetzt war hoffentlich die treuste Freundin Frau Sauermann bei Ihnen, die ja schon am 1t d. M. kommen wollte u mit der Sie so ganz intim verkehren. – Ja, wie gern ich käme, wissen Sie! Aber ich bin wirklich zu pumplig (wie der Sachse sagt) u habe zu viele kl. Beschwerden, die mich zum ganz unbequemen Gast machen! Das Haupthinderniß ist aber, daß ich nur in wärmerer Jahreszeit reisen kann! Mein Kopf ist zu reizbar geworden u ebenso die Augen, die Ohren, die Kehle! Jegliche Zugluft bringt mir unangenehme Erkältungen oder Entzündungen! Auch jetzt stecke ich seit 10 Tagen mit argem Schnupfen u Husten still zu Hause; allmählig bessert es sich – aber da gibt es nebst vernünftiger Diät nur die Mittel: Geduld, Ruhe u Wärme! Gottlob blieben die Augen gut; so konnte ich mich immer beschäftigen, nur nicht zu viel in alten Tagebüchern mich vertiefen! Das regt zu sehr auf, weil es zugleich so ungeheuer anzieht!! – Ich verbrenne nach u nach Vieles, denn man darf u kann nicht zu viel aufheben! – Von Frl. Leser, wohin ich schickte, kam Gutes. Sie ging öfter mit Frl. v. Bartels spazieren die das so geschickt u nett versteht! – Die Maria erholte sich sehr, ging aber nur wenig aus, weil ihr Rücken dieses Mal so ermüdet ist! In Kiel haben 3 Kinder Keuchhusten, aber in leichter Art zum Glück, u Helene ist ganz mobil u thätig, so daß mein theurer Felix immer voller Dank u Glück ist, sie so wohl wieder zu haben! Er selbst hat viel zu thun u muß oft Reisen machen nach den andern großen Häfen, wo die Werkstätten die Depots u viele Beamte sind. – Daß mein Neffe so schnell von Frankf. nach Mainz mußte, hat uns Alle überrascht! – Die Beamten sind immer übel dran u müssen immer bereit sein, wieder andre Arbeit zu bekommen, wenn die Verhältnisse es gebieten! Daß unser großer herrlicher Bismark nun seine getreue Lebensgefährtin begraben muß, thut uns sehr leid! Das wird ihn sehr beugen! Der einsame Mann hat es immer schwerer als die einsame Frau! Das ist sicher wahr. Ob nun die Mutter Ihrer Enkel n. Wiesbaden zieht? Sie erwähnten es im Brief, u daß dann die Julie auch dorthin sollte? Wie mag das werden? – Bitte grüßen Sie Fr. Kissel sehr; mir geht es wie ihr, daß ich so gern noch mich in der Gallerie u an den Kunstschätzen Dresdens erbaue!
Meine liebe alte Schwägerin schreibt immer frisch! Die arme Fr. Preusser ist freilich sehr hart geprüft –
Ade! Senden Sie gute Kunde u bleiben Sie mit Kindern u Enkeln gnädig behütet. Es küßt Sie Ihre alte treue L. B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 497-500
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.