19.12.2019

Briefe



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ID: 18054 Brieftext


Geschrieben am: Montag 31.12.1894
 

Düsseldorf d. 31t Dec. 1894
Vielgeliebte Clara!
Wie soll ich genug danken, u wie Ihnen fühlen lassen, daß all das Gute u Erhebende das Sie mir in den langen Jahren, u nun wieder in den beiden Briefen anthaten, doch mit das Erquickenste meines Lebens war u ist! – Gott lohne es Ihnen! Weiter kann das arme Wort nichts hervorbringen, nur im Geiste küße ich Sie so dankbar innig wie möglich! – Wohl weiß ich, wieviel ich meinem theuren Mann zu danken habe, denn er hat mich geleitet, u zu Allem Guten mir geholfen daß auch nach seinem Scheiden aus dieser Welt mir nun noch an Liebe u wahrster Freundschaft geschenkt wird. Ihr Weihnachtsbrief kam grade am Heiligen Abend an, als ich eben Nachmittags ein kleines Bäumchen schmückte, mit dem reizenden Transparent darunter, um meinen beiden Mädchen aufzubauen! Das alte Haus darf doch nicht ohne den Christbaum sein, der den kindlich frommen Sinn immer wieder erweckt, u das Hohe u Heilige des wahren Christenthum’s tiefer empfinden läßt! – Nachher um 7 Uhr fuhr ich zu Euler’s wo ein schöner Aufbau war mit herrlich großem Tannenbaum, u die 3 großen Kinder doch vergnügt die vielen Gaben genießen! Auch machten sie nachher mit meiner Nichte Schadow ganz hübsch Musik. – Leider sind wir ja immer zu 4 Wittwen u 1 Wittwer versammelt, auch am 1t Feiertag bei mir! Da muß denn der Dank für Alles Gute sonst obenan stehen! Meine liebste Wine ist an den beiden Tagen mit uns, weil ihre Mutter in Elberfeld ist, u erst am 2t Feiertag bei sich großen Aufbau macht! – Gottlob hatte W. immer beste Nachricht von ihrem Seekadett, der sehr hübsche Briefe aus Corfu u Alexandrien schickte, auch mir gestern schon zum neuen Jahr den herzl. Gruß sandte. Er ist ein ganz tüchtiger Jüngling u der wahrste erfreuenste Trost seiner Mutter, die die Trennung im besten Sinn auffaßt; u nur wünscht ihr Sohn möge einst „ein braver Arbeiter im großen Weinberg werden“! – (Verzeihen Sie, aber es kommen heut so viele Störungen durch Briefe u Anfragen u Besuche u. s. w.) [da schreibt man flüchtiger.]
In Kiel waren sie sehr froh beisammen; mein Sohn so glücklich, daß seine Helene wohl, u für ihn, die Kinder u das Haus Alles wieder in bester Art besorgte u versorgte! – Wie schade daß Sommerhoff’s gerade jetzt durch die Masern geplagt sind. Aber ich würde auch entschieden die Trennung erhalten, glaube aber daß das Kommen durch die Luft zu Ihnen von den Eltern Sommerhoff nichts schaden kann! – Hoffentlich sind die Masern gutartig, u die Pflege vorsichtig, denn es bleibt so leicht ein Schaden nach. Man behandelt grade diese Krankheiten jetzt zu leicht, das fand ich schon oft. – Um Eugenien’s Überfahrt sorgten wir uns auch, u freuten uns so sehr, daß Sie den Brief mit ihrer glücklichen Ankunft beenden konnten! Ja, etwas erkältet bin ich immer, sch[l]age mich mit Vorsicht aber durch u fahre mitunter im geschlossnen Wagen zu Frl. Leser oder andern Besuchen. Nur bei wirklich milderer Luft gehe ich aus; rauhe Winde u das naßkalte Wetter vermehren Husten u Heiserkeit. Gottlob kann ich im Hause thätig sein u habe immer zu thun in aller Art! – Freilich ganz prosaisch meine theure Clara! Sie haben die herrliche Kunst, u wenn auch im kleinsten Maaß gegen sonst, so müssen Sie sich doch daran stärken u mit den Kindern u Enkeln immer so fröhlich sein, wie irgend möglich! Das ist die beste Medizin! Wirklich, ich erfahre es an mir nur zu sehr! – Der Brief reiste zu meiner Schwägerin, die immer frisch u liebevoll schreibt u Viele beschenkte! Anbei appart wegen Ihrer Briefe! Nun adio! Ihnen u Allen glückliches Neujahr! –
Immer in treuster dankbarer Liebe Ihre Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 503ff.
 



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