19.12.2019

Briefe



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ID: 18057 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 26.03.1895
 

Düsseldorf den 26t März 1895.
Innigsten Dank geliebte Clara sende ich heut für die tröstenden u schönen Worte, die Sie im warmen Gefühl des großen Verlustes den ich zu tragen habe mir schrieben! – Ja, meine Schwägerin war eine selten edle u große Seele, mir seit 57 Jahren die treuste ältere Schwester; Kindern u Enkeln die liebevollste Mutter, u Vielen Vielen wahre Freundin u Wohlthäterin bis wenige Stunden vor ihrem Scheiden! Die Gnade Gottes, daß sie so sanft u schnell abgerufen wurde, preise ich täglich u war gleich mein Trost als die erschütternde Kunde kam! – Gefaßt auf eine solche, war ich längst – denn ihr gesegnetes Alter war doch ein hohes, u ihr Athem bei allen Bewegungen ein sehr kurzer als ich zuletzt im Sept. bei ihr war! – Aber ihre geistige Frische u ihre wunderbare Thätigkeit überhaupt hielten den kleinen doch kräftigen Körper so lange aufrecht bis wohl eine natürliche Stockung am Herzen oder der Lunge das Ende ihres Erdenlebens schnell herbei führte! – Dankbare u schönste Erinnerungen folgen ihr wohl von Allen die sie näher kannten, u ich freue mich meine theure Clara, daß auch Sie gern der Zeiten gedenken die uns im Hause Hübner vereinten! – Schatten gab es ja auch im Leben der seltenen nun Dahingeschiedenen, denn sie war ein großer Charakter mit starker Wahrheitsliebe, die sich in ihren jüngeren Jahren wohl mitunter etwa stark äußerte! Mit dem Alter wurde sie immer milder; u nur für die Ihren u uns Alle zu schaffen, zu helfen, recht viel Gutes zu thun, beseelte sie – u ihre Theilnahme für’s Vaterland, für Alles Gute u Schöne war köstlich!
Doch genug. Sie haben so viel zu thun u zu lesen, daß ich garnicht so lange plaudern sollte u doch versetze ich mich so gern an Ihre Seite! – Möchten Sie nur gesund bleiben u alle schönen Pläne ausführen können!
Hier ist noch viel Unwohlsein aller Art, denn das sehr wechselnde u nun wieder viel naße Wetter ist recht ungesund. Frl. Schön. ist recht angegriffen u still zu Hause, wie mir vorhin M. Jungé berichtete; u Frl. Leser hustet viel, darf also auch nicht heraus! Ich fahre auch noch meist, u bin wegen des Windes so sehr zur Vorsicht gemahnt! – Durch ernste traurige Krankheit meiner Nichte Schadow haben wir viele Sorgen u Unruhe; deswegen ist auch diese Woche meine Nichte Fr. Kaibel geb. Schadow a. Strassburg gekommen, u es muß berathen, gehandelt u geordnet werden!
Am 4t Apr. hoffen Felix u Helene mich für 1 Woche zu besuchen! Da habe ich also frohe Aussichten! Adio – es kommen viele Störungen! Treu umarmt Sie im Geiste Ihre alte Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 510f.
 



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