19.12.2019

Briefe



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ID: 18060 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 19.05.1895
 

Düsseldorf d. 19t Mai 1895.
Meine theure Clara!
In der sicheren Hoffnung, daß wir heut in 14 Tagen trauliches köstliches Zusammensein genießen, tritt mir der natürliche Wunsch wieder so lebhaft nahe, Sie möchten sich entschließen können mit Marie in alter Art doch bei mir einzukehren! – Freilich sind die 2 Treppen unbequem, aber da jetzt unten Niemand wohnt, könnten Sie Hut u Mantel u Chwal Alles unten lassen u zum Frühstück z. B. haben Sie doch nur die eine Treppe in’s Eßzimmer herunter zu kommen; auch könnten Sie Ihre Schreibesachen so gut im Wohnzimmer abmachen, also vielleicht nur zum weiteren Anziehen nochmal, nachdem Ihr Zimmer gelüftet u geordnet ist, nochmal hinaufgehen! Ich glaube wirklich, es könnte Alles Ihnen bequem gemacht werden, wenn auch nicht wie im eigenen Hause! Und es wäre doch so unendlich viel behaglicher als im unruhigen Gasthof u wäre mir die wahrste Herzensfreude! Überlegen Sie mit Marie, u glauben Sie vor allen Dingen, daß ich in keiner Art Unruhe hätte, nur Freude! Als Felix u Helene die Osterwoche oben wohnten, sagten wir uns immer wie behaglich doch das Zimmer sei u durch das Grün der schönen Bäume auch angenehm, bei freilich aller Einfachheit! – Und da sagte ich schon immer, ich hätte die Hoffnung, daß unsre geliebte Frau Schumann mit ihrer Marie doch auch Mal wieder es bewohnen würden!! – Dienstag früh erwarte ich meine Hedwig a. Berlin; die bewohnt immer das kleine Zimmer neben mir, weil wir uns auch Abends immer noch so gern Manches mittheilen, denn leider sind wir so selten zusammen! Sie muß am 28t schon wieder zurück n. Berlin wegen ihres Sohnes u auch wegen des Vater’s! Sonst würde sie nur zu gern geblieben sein, um Sie u Marie kennen zu lernen! Von Kiel hatte ich heut Gottlob gute Nachricht; bleibe ich wohl genug, so reise ich im Juni hin. Da ist ja dann die große Feier zur Einweihung des Nord-Ostsee Kanal’s! – Die letzten kalten u naßen Tage waren traurig nach der schönen Woche, u man heizt wieder wie im Winter! Doch fand ich Frl. Leser vorgestern wohl, als ich gegen Abend zu ihr fuhr. Natürlich ist sie in großer Erwartung wann Sie kommen, u ob Sie auch im schlechten Wetter wohl bleiben? Das hoffen wir u so gebe Gott uns gesundes Wiedersehen geliebte Clara!
Immer in alter treuester Liebe Ihre Lida B.

  Absender: Bendemann, Lida (176)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 516f.
 



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