19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 18229 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 26.09.1880
 

Hochgeehrte Frau,

Es ist schon richtig, daß ich einige Briefe im Original, einige in Abschrift, die ich von den Originalen genommen, vom innig von mir verehrten Schumann in Händen habe. Ich darf aber, gegebenen Versprechungen nach, zur Zeit nicht über dieselben verfügen und sehe mich deshalb zu meinem Leidwesen außer Stande, Ihnen dieselben zur Kenntniß zu geben. Ich selbst muß die Briefe bis zu der nicht bestimmbaren Zeit, da ihr Bann gelöst werden kann, als nicht vorhanden ansehen. An mich persönlich gerichtet habe ich nur einen einzigen Brief, welcher allgemeines Interesse darbietet. Dieser betrifft die „Genoveva“, wegen welcher damals ein so bitteres Zerwürfniß zwischen Brendel und mir sich entwickelte. Den wollte ich für meinen Aufsatz über die „Genoveva“, welchen zu schreiben ich immer dringenderes Bedürfniß habe, mit verwerthen; er kann nur im Zusammenhang der Darstellung der damaligen Verhältnisse zum völligen Verständniß für die Leser gelangen. Bezüglich der achten Novellette scheint mir ein Irrthum obzuwalten. Eine mir denkwürdig gebliebene Äußerung Schumann’s, die gesprächsweise von mir aus bis zu Ihnen gelangt sein und Anlaß zu dem Irrthum gegeben haben dürfte, betrifft die sechste Novellette. Diese konnte ich, so viel Mühe ich mir auch gab, der Auffassung nach Schumann nie recht zu Danke <ge>spielen. Da sagte er freundlich, gleichsam als solle es Entschuldigung für mich sein: „das kann man wohl nur richtig spielen, indem man es componirt“. Fast wörtlich ist mir diese Äußerung im Gedächtniß geblieben. Sie, hochverehrte Künstlerin, traten kurz darauf in die Stube (Wohnung Inselstraße); da verging mir aller Muth, weiter zu spielen, auch der Muth, Sie vielleicht um den Vortrag der Nummer zu bitten. Erzählt man jetzt manchmal von solchen selbst erlebten Momenten, so hört die Welt mit gespanntem Interesse zu. In dieser Hinsicht konnte sich der gute Wenzel sehr angenehm machen. Was er erzählte, war aber flüchtig und ließ sich nicht fixiren. Oft genug habe ich denselben angegangen, seine Erlebnisse mit Schumann zu Papier zu bringen; ebenso oft versprach er mir’s, – zuletzt sehr ernstlich, da ich ihn auf sein Alter hingewiesen und ihm „weil es noch Zeit sei“ recht nahegelegt hatte. Er kam doch nicht hinzu, und so sind viele Einzelnheiten, deren Quelle er war, nun mit ihm selbst dahingeschwunden. Wüßten Sie, Hochgeehrte, welche Freude Sie mir bereitet haben würden, wenn Sie einmal bei Ihrer Anwesenheit in Leipzig mein literarisches Institut auf fünf Minuten mit Ihrer Gegenwart beehrt und sich in das „Künstlerbuch“ eingeschrieben hätten, Sie würden es gethan haben. Ich hoffe noch darauf.
In inniger Verehrung
Ihr
ergebenster
A. Dörffel.

Leipzig, den 26. Sept. 1880.
Peterskirchhof 4.

  Absender: Dörffel, Alfred (377)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
383ff
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.