19.12.2019

Briefe



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ID: 18249 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 20.07.1864
 

Monrepos, d. 20. Juli 64
Liebe Frau Schumann!
Selbst auf die Gefahr hin, Ihnen langweilig und unbescheiden zu erscheinen muß ich einige Zeilen an Sie richten, um Ihnen zu sagen, wie oft ich an Sie denke! Es ist ganz merkwürdig, auf welche Art sich zuweilen unsere Wünsche erfüllen; als ich Sie in Carlsruhe gesehen hatte, war ich schon ganz glücklich. Wie wenig dachte ich, daß ich Sie ein Jahr später nicht nur sehen, sondern in einem Hause mit Ihnen wohnen, ja sogar von Ihnen Stunden haben würde! Ja, das war sehr, sehr schön, besonders der Abend, wo Sie mir so viel aus Ihrem Leben erzählten, und dann wenn Sie neben mir saßen und mich so sanft hineinführten in den Sinn der Kinderscenen! bis ich hätte jubeln können vor Wonne! – In den letzten Tagen habe ich mich wieder recht hineingelebt, indem ein lieber Knabe hier war, der durch und durch musikalisch ist, und dem ich stundenlang vorspielte. Ich habe nur die traurige Entdeckung gemacht, daß ich wirklich nicht mehr viel spielen kann, indem ich sehr bald arge Rückenschmerzen bekomme, besonders von einem schweren Stück. Woher es kommt, weiß ich nicht; wahrscheinlich habe ich mich wirklich voriges Jahr überanstrengt, und darf jetzt nur leichte Sachen spielen. Ich würde Ihnen sehr, sehr dankbar ein, wenn Sie später einmal Zeit fänden, mir ein Wörtchen zu schreiben, oder vielleicht könnte mir Ihre liebe Tochter von Ihnen Nachricht geben, und mir einige Stücke aufschreiben, die ich lernen könnte? – In musikalischer Beziehung bin ich hier in vollkommner Dürre; ich höre rein gar nichts, nicht einmal Namen von schöner Musik. Sonst aber geht es mir sehr gut. Das Ankommen hier war, wie Sie sich wohl denken können, sehr schwer. Von dieser Oede konnte ich mir selbst aus der Ferne keinen Begriff machen. – Nun aber sind Mama u. ich so in einander eingelebt, daß wir wirklich sehr glücklich sind.

d. 26.ten
Mein Brief wurde neulich unterbrochen, aber ich will ihn dennoch fertig schreiben, weil trotzdem daß ich in diesem Augenblicke gar keine bindenden Pflichten habe, ist meine Zeit doch immer zu kurz, u. wenn ich täglich 10 Stunden mehr vor mir hätte, würden sie doch alle ausgefüllt sein. Mama u. ich lesen täglich mehrere Stunden Geschichte miteinander u. nähen währenddem aufs Eifrigste. Hernach beschäftigen wir uns bis zum Mittagsessen allein, von 1 oder 2 bis 3 Uhr; u. den Abend haben wir eine leichtere Lectüre. Ich lese jetzt gerade Mama das Barfüßele von Auerbach vor – es ist zu reizend! Es ist darin Poesie u. tiefe Menschenkenntniß auf das Schönste verbunden, u hat dabei einen durchgehenden Zug von Lebensmuth u Heiterkeit der wahrhaft erfrischend ist. Wir können jetzt alle Beide nicht gut traurige Sachen lesen, das werden Sie gewiß begreifen. – Ich habe jetzt das Gefühl von Ruhe nach einem langen Sturm. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich innerlich glücklich; und das kommt daher, daß wir so friedlich u harmonisch zusammen leben; u jede kleine Freude sich im gemeinschaftlichen Genuß vergrößert. Wie froh wäre ich, wenn Sie einmal in unser Stillleben hineinschauen wollten, u wenn Mama Sie wirklich kennen lernen könnte! Nach meiner u Prof. Sohns Beschreibung kennt sie Sie freilich schon u ist von Dank gegen Sie erfüllt, daß Sie so einzig gut für mich waren! –
Verzeihen Sie, wenn ich langweilig war – es war sehr kühn von mir, Ihnen zu schreiben!; ich hoffe aber daß Sie daraus sehen, daß ich Sie innig verehre u liebe!
Mit tausend Grüßen an Ihre Tochter
Ihre
Elisabeth zu Wied

  Absender: Elisabeth (Pseudonym: Carmen Sylva), Prinzessin zu Wied (418)
  Absendeort: Monrepos
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 12
Briefwechsel Clara Schumanns mit Landgräfin Anna von Hessen, Marie von Oriola und anderen Angehörigen deutscher Adelshäuser / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-023-0
329ff.
 



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