15.07.2019

Briefe



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ID: 18459 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 31.12.1881
 

Leipzig d. 31ten Dec 81.

Verehrte liebe Frau Schumann!
Schon zum Weihnachtsabend, wo der liebe Vater auch Ihnen stets ein kleines Zeichen treuen Gedenkens sandte, sollten Sie dieß Bild und Schriftchen haben; da ich aber dazu schreiben wollte und doch vor allem Trubel nicht dazu kam, so mußte es unterbleiben. Wir denken daß Sie Freude durch Papa’s eigene Schilderungen haben werden, die wir natürlich nur den aller vertrautesten Freunden schicken wollen. Das Bild ist von einer früheren größeren Photographie abgenommen, das uns als ganz besonders treu und characteristisch stets sehr lieb war. Auch Ihnen wird es mehr die frühere Zeit in Erinnerung bringen, wo der liebe Heimgegangene so glücklich war wenn Sie ihm vorspielten. Indes ist Vieles anders geworden, das haben wir jetzt zu Weihnachten, als ein Baum in den alten lieben Räumen brannte, recht empfunden[.] Dankbar müssen wir aber auch sein daß so liebe glückliche Menschen das alte liebe Haus bewohnen und wir hoffen sehr, daß wenn Sie nach Leipzig kommen die Bewohner dort aufsuchen werden[.] Warum aber wird es diesen Winter nicht sein? Ich mußte gestern in der Conzertprobe, als Brahms sein Conzert spielte, sehr viel an Sie denken. In der Probe hat es sehr gefallen und ich bin neugierig wie es bei der Aufführung sein wird. Dahin gehen ja so viele Menschen die nun einmal ihren Platz <glat> haben, in die Probe aber doch viel mehr solche, die wirklich nach Musik verlangen. Auf mich hat das Conzert einen gewaltigen Eindruck gemacht, wenn mir auch Vieles nach dem einmaligen Hören noch unverständlich geblieben ist. Jeder Satz interessirt so sehr und ich freue mich tüchtig es noch einmal zu hören.
Die Beantwortung Ihres letzten so lieben Briefes habe ich auch immer verschoben, theils weil ich hoffte in den Tagebüchern meiner Mutter noch etwas werthvolles für Sie zu finden. Es ist aber leider nicht geschehen und auch von Briefen <ist> sind außer ein paar kleinen Zetteln keine vorhanden als die welche schon im Wasielewsky gedruckt sind. Sollte ich wider Erwarten doch noch etwas finden, so schicke ich es Ihnen natürlich gleich.
Vor einiger Zeit besuchte uns der Sohn Benetts, der eine Biographie seines Vaters heraus geben will, und war dankbar für Alles was er dazu bekommen konnte. Es ist ein lieber Mensch und ich würde ihm gern etwas behülflich sein und frage deßhalb bei Ihnen an ob Sie vielleicht etwas Material für ihn haben. Bitte seien Sie mir nicht böse liebe liebe Frau Schumann ob dieser Anfrage, sondern bleiben Sie uns auch im neuen Jahre treu! Haben Sie immer gute Nachrichten von Ihrer fernen Tochter und wie geht es den andern? Ich würde nicht so viel fragen, wenn ich nicht wüßte daß Sie mir doch auf die kleine Sendung ein paar Worte antworteten.
Mit den besten Wünschen für ein gesegnetes neues Jahr und vielen Grüßen an Ihre lieben Töchter
Ihre
Ihnen treu ergebene
Ottilie Gensel.

  Absender: Gensel, Ottilie (527)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 196ff.
 



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