19.12.2019

Briefe



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ID: 18557 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 09.05.1877
 

Leipzig. 9. Mai. 77.

Liebste Frau, theuerste Frau Schumann,

da sind wir wieder u. fühlen nun so recht, daß die lieben schönen Tage in Berlin vorüber sind. Wenn ich’s Ihnen nur so recht sagen könnte, wie wohl es uns bei Ihnen geworden, aber ich glaube wenn ich Ihnen alles sagte Sie würden auch von mir behaupten, ich finge an zu schwärmen u. das können Sie ja nicht leiden. Aber danken darf ich Ihnen doch, daß Sie uns des Glückes theilhaftig werden ließen, in so ganz vertrauter Weise ein paar Tage mit Ihnen verleben zu dürfen. Wir wollen lange dankbar davon zehren u. wenn ich mit meinem Manne zusammen sitze, lassen wir uns den Mund übergehen von dem was unser Herz erfüllt. Sie hören ja nicht was wir sagen! Lassen Sie mich Ihnen nur das sagen, theuerste Frau,: ich glaube man würde besser wenn man das Glück hätte viel mit Ihnen zu verkehren; ich habe mich selten im Leben so nichtswürdig zusammenschrumpfen gefühlt als da ich jetzt mit Ihnen zusammen war – aber dies Thema darf ich nicht ausführen, denn Sie würden wieder protestiren. Auf der Fahrt von Ihnen auf den Bahnhof hatten wir allerlei komische Zufälle. Wir gingen schweren Herzens von Ihnen fort u. unser armes abgerackertes Droschkenpferdchen hatte offenbar geheime Sympathie mit uns u. that sein Möglichstes damit wir noch ein Mal zu Ihnen zurück müßten, (wie wir insgeheim wünschten) aber es gelang ihm nicht, da wir doch gar nicht so verspätet waren wie wir erst glaubten. Die Droschke fuhr im behaglichsten Tempo, wie wir aber das Brandenburger Thor passirt haben gerathen wir an eine vorüber sausende Droschke, es thut einen furchtbaren Krach, wir halten uns für zerschmettert, steigen aus, untersuchen unsern Wagen der aber unbeschädigt geblieben war, während der andre mit gebrochenem Rad weiterhumpelte. Wir setzen uns (etwas enttäuscht!) also wieder ein, kaum fahrn wir 5 Minuten steht die Droschke still, was giebts Filu? sie schaut hinaus – das Pferd liegt auf der Erde! neuer Hoffnungsstrahl, schon seh’ ich mich im Geiste wieder bei Ihnen klingeln, aber der Droschken Kutscher beschwichtigt uns u. peitscht sein Pferd in die Höhe, dieses arme Thier rafft sich auf, kann sich nicht erhalten u. stürzt mit dem ganzen Gewicht auf die Deichsel welche von dieser Last entweibricht, (zweiter Hoffnungsstrahl) aber der arme Gaul wird nochmals aufgestachelt bleibt diesmal auf seinen Füßen, die Deichsel wird mit einem Strick umwunden, der unerschütterliche Kutscher nöthigt uns abermals zum wieder einsteigen u. nach all diesen Malheurs – kommen wir noch 5 Minuten vor Abgang des Zugs auf den Bahnhof! Es war eine merkwürdige Fahrt u. bei jedem der bedeutungsvollen Momente, sagten wir zueinander: wie gut: dass die liebe Frau Schumann das nicht miterlebte! Heinrich aber, seinem Carakter getreu, schenkte dem Droschken Kutscher 5 Groschen Trinkgeld für den armen Gaul, allerdings mit der Bemerkung: er solle ihn doch bald schlachten! Die Fahrt war länglich wie alle solche Fahrten wenn sie an u. für sich noch so kurz sind, ich schlief ein u. träumte von Nro 11 in den Zelten, 2te Etage. – Ja, da ging’s uns gut u. denk ich an all die Fülle von Aufmerksamkeit u. Güte die Sie auf unsre unwürdigen Häupter ausgeschüttet so fühle ich etwas wie Scham, aber es wird mir dabei so warm um’s Herz, dass ich’s doch gar nicht anders haben möchte. Hier giebts viel zu thuen, mein Mädchen überraschte mich mit der Nachricht, daß sie Sonnabend heirathen u. diese Woche schon in neuer Logis zubringen werde, aber von letzterem habe ich sie durch allerlei Vorstellungen doch abgebracht. Eben aß der junge Litzmann bei uns, gegen den wir ein so schlechtes Gewissen hatten, denn im Winter wollte sich immer keine Gelegenheit finden ihn einzuladen u. als wir’s endlich thaten war grade das Semester, ungewöhnlich früh, geschlossen worden. Er scheint ein netter wohlerzogener Mensch u. hoffen wir ihn nächstes Jahr öfter zu sehn: – Leben Sie nun wohl Sie u. die liebe Marie wie viel denk’ ich in meinem dilettantischen Haushalt an sie die Künstlerin, die eine behagliche warme comfortable Atmosphäre
nach jeder Richtung hin um sich verbreitet – „u. füget zum Guten den Glanz u. den Schimmer u. ruhet nimmer!“
Gott behüte Sie, was Sie wünschen soll in Erfüllung gehen, was Sie nicht wünschen nimmer geschehen uns aber behalten Sie ein Klein wenig lieb
In dankbarer Verehrung
Ihre Elisabeth.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
412ff.
 



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