19.12.2019

Briefe



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ID: 18558 Brieftext


Geschrieben am: Montag 06.08.1877
 

Alt-Aussee 6. August. 77.

Theure Frau Schumann,

Welch eine Freude ist es mir, daß es einmal Anlaß giebt, Ihnen so recht von Herzen Glück zu wünschen. Solche Ereignisse sind im ganzen doch dünn gesäet u. doppelt freut man sich, wenn Sie, theure Frau, die Sie so viel Schmerzliches haben hinnehmen müssen, von einem schönen warmen Sonnenstrahl getroffen werden. Als ich die Verlobungsanzeige Ihrer Tochter erhielt, wollte ich nicht gleich schreiben, weil ich so gar nichts näheres wußte u. es ja auch hätte sein können, dass Sie sich nicht über den künftigen Schwiegersohn gefreut, wie es meiner Mutter erging, die, erst als wir ein paar Tage verlobt waren, entdeckte, dass der gefürchtete Heinrich der beste Mensch auf Erden sei! Nun ich von Frau Schwabe gehört, wie zufrieden Sie sind u. Eugenie mir schreibt, dass der künftige Schwiegersohn ihr Herz gewonnen, kann ich erst, so recht drauf los, Ihnen gratuliren u. mich selber für Sie alle aus ganzer Seele freuen. Möchte Ihre Tochter, (an der ich leider nur die elegante Erscheinung kenne) so glücklich werden, dass die beste aller Mütter sich für den Schmerz der Trennung entschädigt fühlt, so oft ein fröhlicher Brief über den Ocean zu ihr <Ihnen> dringt! Nun danke ich Ihnen erst für Ihre lieben Zeilen aus Kiel, aus denen ich zu meiner Freude ersah, daß Sie doch ein wenig Lust verspürt nach Aussee zu kommen. Heben Sie sich diese löbliche Regung ja gut auf für nächstes Jahr; wer weiß ob wir dann nicht doch einen Sieg davon tragen! Frau Schwabe ist ganz eingenommen für Aussee u. wird Ihnen glaub’ ich zureden, sogar mit mehr Muth als ich, da sie Ihre verschiedenen Aufenthalts Orte in der Schweiz kennt u. dadurch einen richtigeren Maaßstab für Ihre Bedürfnisse hat, als ich, die Sie nur im eleganten Hertenstein sah. Sie findet Wohnung u. Verpflegung hier gut u. den Aufenthalt im Seewirthshaus nicht so unruhig wie irgend eine Schweizer Pension. Die arme Dame hat es übrigens schlecht getroffen; in dem an ihrem Schlafzimmer anstoßenden Zimmer ist heute Nacht ein Herr gestorben u. die ganze schreckliche Unruhe die einem solchen Trauerfall vorausgeht u. folgt, hat Frau Schwabe also aus nächster Nähe mit gemacht.
Danken Sie bitte der lieben Eugenie für ihre beiden Briefe aus Baden u. Spinabad. Nach Empfang des letzteren habe ich sofort an einen Freund in Graz geschrieben der die gewünschten Erkundigungen einziehen soll. Leider ist der von uns u. allen Menschen so verehrte Arzt, Prof. Körner gestorben <so> u. mit einem andren sind wir nicht persönlich bekannt. Unser Freund, Prof. Rich. Hildebrand, hat aber die besten Aerzte in Graz zu Collegen u. ist so ganz in der Lage sich über die climatischen Verhältnisse von Graz instruiren zu lassen. Was wir darüber denken hat ja gar keinen Werth, in solchen Fällen darf man sich nur an fachmännische Urtheile halten. Ich weiß, dass man häufig Brustkranke nach Graz schickt, aber wie viele Städte haben auswärts unter den Aerzten ein unverdientes renommé. Aus eigener Erfahrung müssen wir sagen, daß die Temperaturwechsel in Graz sehr rasche u. grelle sind u. daß die mittlere Temperatur im Jänner circa 10 Grad unter Null ist. Die Beschaffenheit der Luft ist aber gut, höchst anregend u. ich kenne einige Brustkranke die in Graz viele Jahre schadlos zugebracht. Ihr Sohn ist ja Gottlob ein Reconvalescent u. nur der Schonung bedürftig, aber ist er durch die Milde der Climate in Montreux u. Meran nicht vielleicht sehr verwöhnt? Ich habe gar keinen Muth, in dieser Sache einen Rath zu geben u. beschränke mich darauf Ihnen das zu wiederholen was ich von andern höre u. Ihnen die Antwort Hildebrands sofort mitzutheilen. Wenn sein Brief einläuft schreibe ich sofort Eugenie den Inhalt u. antworte ihr dann auf ihre lieben Zeilen[.] Fillu wird dieser Tage bei mir einrücken u. wir werden dann in Gedanken zu dreien statt jetzt zu zweien oft u. oft unter Ihnen weilen.
Wir sehnen uns manches Mal zu Ihnen hin in dankbarem Gedenken der guten Hertensteiner Zeit! Grüßen Sie die lieben Volklands u. lassen Sie Ihre geliebten Hände küssen von Ihrer treuergebenen
Elisabeth Herzogenberg.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Alt-Aussee
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
416-419
 



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