19.12.2019

Briefe



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ID: 18559 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 17.11.1877
 

Hochverehrte Frau Schumann!

Eine grössere Freude konnten Sie uns gar nicht bereiten als durch den höchst beglückenden und ehrenvollen Auftrag, für Sie ein Heim zu suchen. Heute früh im Rosenthal öffneten wir den Brief, und sofort machten wir uns auf die Suche, und ich darf schon jetzt sagen, nicht ohne Glück. Wir sprachen auf dem Wege von nichts anderem, als von Ihrer schönen Berliner Wohnung, und vergegenwärtigten uns jedes Detail, damit Sie’s hier doch gewiss wenigstens eben so gut haben <sollen>. Auf den Preis haben wir weniger Rücksicht genommen, das überlassen wir lieber Ihnen selbst. Hübsch, sonnig, geräumig und still soll Ihre Wohnung sein, und wenn wir dabei besonderes Gewicht auf die Entfernung von Humboldtstrasse 245 legten, so ist das nicht ganz so egoistisch, wie es den Anschein hat, da dies ja gleichbedeutend ist mit der Nähe des lieben Rosenthals. Eines möchte ich Sie aber in Ihrem Interesse dringend bitten: nehmen Sie den Rückweg von Frankfurt über Leipzig, besehen Sie sich die von uns vorgemerkten Wohnungen, und entscheiden Sie sich möglichst früh. Bis Ende November kann ich wohl die Wohnungen reserviren lassen, ob noch länger, ist sehr fraglich.
Die Auswahl ist keine sehr grosse, und die Nachfrage ziemlich lebhaft. Alle Wohnungen, die ich nun beschreiben will, sind von 1. April an beziehbar.
1.) Humboldtstr. 24 I Etg. Die Räumlichkeiten sind Ihnen von der II Etge her bekannt. Ein grosser Salon, 2 geräumige Zimmer und ein 1fenstriges nach vorne heraus, 2 1fenstrige nach rückwärts, grosse Küche, Mädchenzimmer, Badezimmerchen, Speisekammer, und eine Garderobe oder „Kabuse“ oder wie mann’s nennen will.
750 Reichsthaler
2.) Humboldtstr. 17 II. Etg. (im Hause wo Schimon’s wohnten, aber die grössere sonnige vordere Hälfte) ein grosser Salon mit Erker, ein Schreibcabinet, 2 geräumige Zimmer, 1 einfenstriges nach vorne, ein geräumiges 1fenstriges nach rückwärts (Rosenthal-Aussicht) das Uebrige genügend. Küche nicht gross. Speisekammer, Mädchenzimmer, Badestübchen. 625 Reichsthaler
Die Aussicht ist nicht frei, jedoch sonnig und nicht hässlich.
3.) Ecke der Keil- und Löhrstrasse I Etge (die selbe Lage wie unsere Wohnung, ganz besonders zu <>empfehlen.) (100 Schritte von uns.) Ein grosser Ecksalon mit Erker. 5 2fenstr. Zimmer, 3 einfenstrige, wovon nur eines wirklich klein ist. Gute Kammern und Kämmerchen. 800 Reichsthaler. Reparaturen jedoch nicht unbedeutend.
4.) Die schönste Wohnung: Gustav-Adolfstr, Ecke der Leibnitzstr, I Etage.
Ein riesiger Salon nach dem Garten (der nicht dazugehört.) 4 2fenstrige, und ein 3fenstriges Zimmer, letzteres mit grosser Veranda, unzählbare Kammern, gute Küche, schöner grosser Flur, alles sehr „herrschaftlich“, schöne Decken, gute Parkets, wenig Reparatur, aber – 1 000 Reichsthaler! Die Wohnung ist grösser und sogar schöner als Ihre Berliner Wohnung. Die Nähe des Rosenthals, die ruhige Lage, die Nachbarschaft Härtels (wir sind auch nicht weit) lassen uns diese Wohnung entschieden als die passendste erscheinen. Der jetzige Inhaber derselben zieht schon zu Neujahr nach Berlin, hat aber noch Ein Jahr Contract. Wird die Wohnung zu Neujahr genommen, so lässt er Rabatt eintreten so lange noch sein Contract dauert. Vermiethet er aber erst von 1. April an, so löst er den Contract am 1. April, und übergiebt die Wohnung dem Hausbesitzer, der natürlich den Originalpreis beansprucht.
5.) freistehendes Haus gegenüber von Haugks Hutfabrik, Rosenthalgasse, Aussicht über die Promenade nach dem alten Theater zu, I Etage. Ein grosser Salon, ein 3fenstriges Eckzimmer, 2 2fenstrige grosse Stuben, 1 einfenstriges recht geräumiges, und ein 1fenstriges winziges Zimmer. Schöne hohe Zimmer, sehr schöne Fenster, alle Nebenlocalitäten jedoch klein. Eine Treppe höher wohnt Rechtsanwalt Sachs mit seiner Frau.
Meine Frau und ich machen Ihnen folgenden Vorschlag: steigen Sie auf der Rückreise mit Frl. Marie bei uns ab (Frl. Eugenie natürlich auch, wenn die beiden Schwestern für einige Nächte eines unserer Fremdenzimmer theilen wollen!) und zwar ganz incognito! Dies ist notwendig, denn, wenn Frau Livia Frege erfährt, zu welchem Zwecke Sie hier sind, so wird sie alles aufbieten, Sie in ihr Stadtviertel hinüberzuziehen. Und drüben da ist’s fürchterlich. Wir habens in 2 verschiedenen Wohnungen versucht, und begreifen jetzt gar nicht mehr, wie wir den Schmutz und den Lärm ausgehalten haben. Auch giebt’s absolut gar keinen Spaziergang dort, und man fühlt so sehr in Leipzig zu sein, das heisst eben in dem unangenehmen Leipzig, das Niemand lieben kann. Die Stadt wurde uns erst sympathisch als wir hier herüberzogen. Jetzt zieht es uns nicht mehr weg, und nun schon gar nicht, wenn Sie Ernst machen wollen. Unsere Wohnung wäre für Sie das beste Hauptquartier um die ganze Rosenthalgegend zu durchforschen. Bis dahin will ich noch einige Wohnungen ansehen, damit Sie recht viel Auswahl haben. Ist es Ihnen unmöglich hier zu bleiben, so lassen Sie uns vielleicht Frl. Marie hier als Bevollmächtigten. Unser Fremdenstübchen ist nicht gross aber anständig, und bietet für diesmal den grossen Vorzug <> vor Freges und Lepoc’s, dass eben das Incognito stricte gewahrt werden kann. An Ihrer Zusage wollen wir erst recht ermessen, welchen Grad der Reife der Plan des Umzugs erreicht hat. Auch können Sie „Humboldtstr 24“ bei uns am besten studiren. Wir glauben doch ein bischen an die Möglichkeit, dass diese Wohnung Ihnen genügen könnte. Kein Mensch soll ahnen, was Gutes in der Luft ist. Steht Ihr Entschluss einmal so fest, dass darüber gesprochen werden darf, dann lässt sich vielleicht auch unter der Hand von Ihren vielen Freunden hier dafür wirken, dass Sie eine ganz ausnehmend gute Wohnung bekommen. Für’s Erste bin ich noch auf Vermittlungs-Bureaus angewiesen.
Nun noch die Versicherung unseres innigen Antheils an den freudigen Tagen in Büdesheim, und die Bitte, uns der Braut in Erinnerung zu bringen.
Verfügen Sie ganz über Ihren in wärmster Verehrung ergebenen
Herzogenberg

Leipzig Humboldstr. 24. 17. Nov. 1877

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
420-423
 



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