19.12.2019

Briefe



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ID: 18561 Brieftext


Geschrieben am: Montag 22.01.1877
 

Leipzig den 22. Jan. Abends.

Geliebte Frau Schumann,

Brahms trug mir noch in der letzten Stunde auf, Ihnen drei Mark, die er Ihnen schuldig geblieben, gelegentlich auszuzahlen u. ich erlaube mir dies hiermit in Briefmarken zu thuen. Er ist seit gestern Abend nicht mehr unser lieber Hausgenosse u. wir empfinden eine große Leere – die unausgefüllt bleiben muß. Es ist ja so natürlich, dass sie dünn gesäet sind, solche Menschen, aber man gewöhnt sich schwer daran sie zu entbehren u. wieder ausschließlich mit Mittelschlag zu verkehren, wenn man durch kurze Zeit so verwöhnt wurde. Wenigstens bleibt uns die Erinnerung an diese Woche u. an der wollen wir dankbar zehren u. uns gegenwärtig halten das Bild dieses Menschen, der so kraftvoll, so gesund, so streng mit sich ist u. dabei so voll Gemüthlichkeit sein kann u. so freundlich, wie er es jetzt immer war! Wir können ihm wirklich nicht dankbar genug dafür sein, dass er mit seiner Menschlichkeit nicht kargte, wie er es sonst wohl manchmal thut, sondern uns täglich Gelegenheit gab ihn persönlich mehr u. mehr lieben zu lernen. Ich wollte, wir würden in nicht zu ferner Zeit wieder zusammengeführt u. es könnten sich dann noch engere Beziehungen zwischen ihm u. meinem Heinrich bilden, der ihn so sehr liebt, aber von Brahms, wie ich wohl fühlte, noch nicht recht erkannt ist, denn er giebt sich schwer, u. um so schwerer je mehr es ihn in Liebe u. Verehrung innerlich zu jemand hindrängt. Er hat sich darin eine Zurückhaltung bewahrt wie sie in jetziger Zeit sogar den unbärtigen Jünglingen abhanden gekommen ist u. die deshalb auch selten verstanden, oft mißdeutet wird was mich immer sehr schmerzt. Ihnen, theuerste Freundin, sage ich das, niemand andrem, weil Sie mich gewiß darin verstehen u. Ihr Verständniß ein so wohlthuendes ist. – Ach Gott wie schön wäre es, wenn die nebelhafte Hoffnung Sie mal hier dauernd zu besitzen sich verwirklichte. Die flüchtigen Begegnungen für die wir zwar sehr voll Dankbarkeit sind, lassen doch eben so viel Verlangen als Freude im Herzen zurück. Welch ein Genuß einmal eine ruhigere Zeit miteinander zu verleben; möchte er uns beschieden sein! Sehen Sie, ich wünsche mir das sehnlichst, weniger noch für mich, die ich mir doch erst in zweiter Linie einfalle, als für den geliebten Mann der den Contact mit wahren Künstler Seelen oft so brauchte. Er hat viele Stunden arger Verzagtheit, wo er alles über den Haufen werfen möchte was er schafft u. in der Ueberzeugung, dass in der Kunst nur das Beste grade gut genug ist, am eigenen Können verzweifelt. Das wahre Wort eines Künstlers könnte in solchen Momenten helfen u. klären u. oft sehnt er sich mit Heftigkeit nach einem Menschen zu dem er hinrennen könnte u. sagen: „ist das gut oder schlecht was ich da gemacht habe? Sprich die Wahrheit![“] Aber hier ist niemand von dem er sie hören könnte. Holstein ist der einzige uns nahe stehende Musiker hier u. ein Anwalt künstlerischer Mittelmäßigkeit, so dass Heinrich seinem Urtheil nicht mehr traut – Sie können also denken wie isolirt er sich oft fühlt.
Wenn Sie hier wären, er gewönne es nach u. nach über sich Sie um Rath u. Zuspruch zu bitten, er zeigte Ihnen manchmal! seine Sachen u. Sie würden ihm die Wahrheit nie versagen. Als wir zuletzt in Berlin waren, war er versucht Ihnen etwas zu zeigen, ein Klaviertrio u. ein Streichquartett über die sich Spitta äußerst günstig äußerte – <> er hätte Ihr Urtheil so gerne gekannt, aber die Zeit war so kurz gemessen, dass er es wieder als Unbescheidenheit empfunden hätte Ihnen mit dergleichen zu kommen. Sie sind von so wachsender Gütigkeit für uns beide, dass er indeß nächstens keine Umstände mehr macht u. wenn Sie von England zurückkehren blüht Ihnen vielleicht so Einiges! theure, liebe, einzige Frau – nun hab ich Ihnen mal recht mein Herz ausgeschüttet, möchten Sie das nicht ungut aufnehmen! Denken Sie sich, welche Freude uns verdorben ward. Limburger sprach in seiner Samstags Gesellschaft den Gedanken aus die Brahmssche Symphonie zur Wiederholung zu bringen. Ich erzählte das später Brahms der mit großer Lebhaftigkeit darauf einging u. offenbar die größte Lust dazu gehabt hätte. Goldmark war schon hier um seine Symphonie am 25. zur Aufführung zu bringen aber Brahms meinte er werde möglicherweise 8 Tage warten wenn <Brahms> er dafür dem Concert beiwohne in der <>Goldmark seine Symphonie dirigire. Heinrich ging nun gestern zu Limburger um die Sache zu besprechen der immer noch recht begeistert dafür schien, aber leider gleich erklärte dass an kein verschieben zu denken sei weil in 8 Tagen längst bestimmtes Mendelsohn-Concert stattfinde. Die Idee eines Extra Concerts tauchte nun in Heinrich auf u. fand Wiederhall bei Limburger, Frln. Mehlig die noch nicht „dran gekommen“ sei, könne dann auch auftreten, der<> ganze große Theil des Publikums der die Symphonie noch nicht gehört komme zu seinem Recht – genug er schien sehr begeistert u. setzte sofort eine Sitzung an, um mit den Herren darüber zu berathen. Seine Antwort kam gestern Abend u. – wie anders wirkte dies Zeichen auf uns ein! im Laufe des Gesprächs mit meinem Mann hatte er betont dass die Idee von ihm ausgegangen sei u. sich darin gesonnt – sein Brief schiebt alles wieder auf die Schultern meines Mannes u. klingt wirklich so, als wenn die Anregung zu dem Ganzen von Brahms u. Heinrich ausgegangen sei. Das risico eines Extra Concerts wage er nicht auf sich zu nehmen (besonders in financieller Hinsicht) gerne aber sei er bereit die Sache durch freie Ueberlassung des Saals zu unterstützen wenn die Verehrer u. Freunde von B. ein Extra Concert insceniren wollten; hierauf folgen allerlei schöne Phrasen über nächstes Jahr u. so weiter. Wir wissen von so vielen Menschen die nie ins Gewandhaus kommen u. zu diesem Anlass sich hingedrängt hätten u. von eben so vielen die das Gehörte gern wiedergehört hätten dass wir an der Gefährlichkeit dieses Risicos zweifeln, aber natürlich hätte es nur Sinn gehabt wenn die Direction Brahms aufgefordert hätte nicht wenn es von den Freunden ausgegangen wäre. Brahms hatte sich schon so darauf gefreut u. wir nicht minder dass wir ganz traurig über das Mißlingen sind. Es war schon alles ausgemacht er wäre Mittwoch gekommen hätte Donnerstag dirigirt (oder zum Extra Concert Sonntag) wäre dann nach Berlin zu Ihnen gefahren, dann für Goldmark sicher zurück gekehrt u. hätte uns wieder durch seine liebe Anwesenheit beglückt. Ich habe Brahms nie so erfreut von etwas gesehen wie von diesem Plane u. kann’s daher noch kaum verwinden dass nichts draus geworden. Ich erschrecke jetzt indem ich bemerke, dass ich den dritten Bogen anpacke, aber nun halte ich ein – küsse Ihre lieben Hände in Gedanken und bitte um Ihre Nachsicht.
Gott zum Gruß, möchten Sie manchmal freundlich gedenken Ihrer Sie so sehr verehrenden, Ihrer Sie so innig liebenden
Lisl Herzogenberg

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
404-408
 



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