19.12.2019

Briefe



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ID: 18562 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 27.01.1878
 

27. Jan 78.

Liebste Frau Schumann,

Wie können Sie nur glauben daß ich Ihre damalige Aeußerung über L’s wiedersage! Wirklich Sie verkennen mich ganz wenn Sie mich dessen für fähig halten. Mein Urtheil über den armen Limburger ist auch nicht so hart wie Sie es meinen; ich spreche mich Ihnen gegenüber eben auch besonders unverhohlen aus. Andren gegenüber bewähre ich mich als das, was ich ja so ganz bin: – die Diplomatentochter. (daß Gott erbarm!) Bei Trefftz fühle ich mich deshalb immer besonders gegen Herrn Limburger gereizt; weil Jener die kleine Schwäche hat, sich der intimen Freundschaft mit L. stets zu rühmen u. gleichzeitig unfreundschaftliche Umstände für ihn macht wie für einen Großherzog. Da werden plötzlich, in dem sonst schlicht gemüthlichen Hause, Flügelthüren aufgerissen, Kronleuchter angezündet, verkappte Markthelfer tauchen als Lohndiener auf, stolze Fasanen u. sonstige Herrlichkeiten werden aufgetischt u. alle andren Gäste werden gleichsam zum feierlichen Mitgenuß dieser allerhöchsten Gegenwart aufgefordert. Der gute Trefftz, dem der Reichthum u. alle äußerliche Grandezza leider sehr imponiren, möchte einen mit davon angesteckt sehen u. natürlich hat dies nur grade die verkehrte Wirkung. Nicht wahr, das begreifen Sie doch auch, Sie nachsichtsvollster aller Engel, „in dem Lande der Mängel“! Also nun weiß ich’s bestimmt, daß wir alle Hoffnung wegen Leipzig als künftigen Wohnort für Sie aufzugeben haben! Ich dachte mir es schon, aber es so schwarz auf weiß zu sehen, hat mir doch einen Riß gegeben. Ich hatte den Gedanken schon zu lange liebevoll mit mir herumgetragen, ihn gehätschelt u. gestreichelt u. zu einem ganz erwachsenen Plane großgezogen – da wird er mir wieder todt gemacht. Offenbar wäre es zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein, wie so manches andre bei dem das bloße wünschen nichts hilft! Ich will versuchen mir einzubilden: „que tout est pour le mieux dans le meilleur des mondes“ u. mich auf den März vertrösten wo wir uns einmal in Dresden sehen u. wir Sie hören u. dann, so Gott will, unter den Zelten wieder zusammen finden. Hoffentlich macht uns kein Bach Concert oder Sonstiges einen Strich durch die Rechnung.
Eben bin ich wieder daran, ein von Brahms zurückgelassenes Nachthemd zum 3tn Mal zu expediren – es ist eine unterhaltende Geschichte. Die Post hat mich förmlich zum besten damit. Denken Sie sich, dass sie mich, die ich aus Anstand u. Gefühl, den Inhalt des Packets nur als „gebrauchte Wäsche“ bezeichnete, zwang, das Ding bei Namen zu nennen, was ich also mit Widerstreben that; aber nicht genug an dem, es kam wieder zurück, weil das specifische Gewicht des Nachthemds ohne den Umschlag nicht angegeben sei, – endlich, weil ich nicht mit lateinischen lettern den Inhalt geschrieben hatte!! Zum Trost läßt mir heut der Postbeamte sagen: wenn ich wollte könnte ich ihm einen Proceß machen!
Entschuldigen Sie, dass ich meinem entrüsteten Herzen gegen Sie Luft gemacht, Brahms würde wieder mit Recht sagen: Geschwätzigkeit Dein Name ist Weib!
Und dieses Weib, das sich aber dennoch erfrecht Sie zu lieben u. zu verehren
heißt leider
Elisabeth Herzogenberg

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
424-427
 



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