19.12.2019

Briefe



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ID: 18563 Brieftext


Geschrieben am: Montag 25.03.1878
 

Leipzig 25. 3. 78.

Verehrteste Frau Schumann!

Mit welcher Lust ich an die Ausführung Ihres Auftrages ging, können Sie bis jetzt leider noch nicht aus den Resultaten meiner Nachforschungen ersehen. Denn die blieben weit hinter meinen Erwartungen zurück. Dr Klengel senior hat bei Frau Dr Braune Umschau gehalten und mir etliche Hefte für Sie übergeben, denen wir aus unseren Noten noch Einiges zur Vergleichung beilegen.
Mit Ausnahme der Impromptu’s op. 5, der symph. Etuden op. 13. und der Kreisleriana op. 163 hat Alles keinen grossen Werth für Sie. Ich hoffe aber noch dem Fehlenden auf die Spur zu kommen, wenn ich Herrn Voigt, Dörfel, Wenzel und Dr Schubring in Bewegung setze, was mir gewiss nicht schwer fallen wird, da ich nur das Zauberwort Ihres Wunsches auszusprechen brauche. In einer Woche werde ich wohl mit reicherer Ausbeute vor Ihnen erscheinen können.
Meinem oft so hölzernen Wesen werden Sie es gar nicht angemerkt haben, wie glücklich es mich macht, Etwas für Sie thun zu können. Die mir jetzt gestellte Aufgabe ist mir nur viel zu leicht; ich möchte Ihnen einmal durch die That einen recht unzweifelhaften Beweis liefern können, wie gränzenlos meine Verehrung und Hingebung für Sie ist, da mir leider mündlich und schriftlich jeder auch noch so bescheidene Grad von Beredtsamkeit gänzlich abgeht. Dass Sie trotzdem immer so lieb und freundlich mit mir sind, beweist mir wieder die Unergründlichkeit Ihrer Güte und die Feinheit Ihres Errathungsvermögens. Sie machen sich gar keinen Begriff davon, wie lange sich in mir das innige Gefühl von Wärme und Glück erhält, welches ich von einem Zusammensein mit Ihnen stets mit davontrage, und wie dankbar ich Ihnen für jedes freundliche Wort bin, dass [sic] Sie mir und meinen armen Sachen gönnen. Könnte ich nur einmal etwas schreiben, was Ihnen wirklich gefallen kann. Ich denke so oft daran, während der Arbeit! Und endlich muss es doch kommen, da ich nicht müde werde weiter zu arbeiten, und über das Vollendete so klar und deutlich hinaussehe.
Was sind mir alle Musikdirectoren und -professoren neben Ihnen! Die schlagen allemal am Nagel vorbei, den Sie stets, vielleicht ohne es selbst zu ahnen, mitten auf den Kopf treffen. So neulich mit den Liedern. Ihre wenigen Worte zündeten ein grosses Licht in meinem Hirne an, bei dessen Beleuchtung ich mir nun alles herum trefflich besehen kann. Es darf eben keine Note selbstständig für sich dastehen, das Ganze muss Ein Individuum mit Einem Gesicht und Einer Seele sein, was nebenhergeht ist Flickwerk. Noch muss ich den Wunsch, Frau Doctor Braune’s erwähnen, dass Sie sich Alles behalten mögen, worauf Sie Werth legen, und ihr dafür neue Ausgaben zukommen lassen. Seien Sie nun herzlichst gegrüsst, und bewahren Sie uns bis zum nächsten Wiedersehen in Gastein ein freundliches Andenken. War Raff schon bei Ihnen, und wie stehen die Dinge? Wir sind verschwiegen wie das Grab, und haben sogar betreffs Stockhausen schon wacker gelogen, oder wenigstens die Unwissenden gespielt. Von Ihrer Berufung scheint noch Niemand etwas zu ahnen. Das wird einen hübschen Lärm machen!
In wärmster Verehrung
Ihr ganz ergebener Herzogenberg

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 427ff.
 



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