19.12.2019

Briefe



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ID: 18564 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 27.03.1878
 

Leipzig 27. 3. 78.

Verehrteste Frau Schumann!

Eben hatte ich meinen Brief an Herrn Schubring in Dessau geschlossen, als mir ein Bedenken ganz sonderbarer Art aufstieg, welches mich an der Absendung desselben verhinderte. Schubring ist bekanntlich D.A.S., welcher die 3te Ausgabe der Davidsbündler besorgte. Darf ich überhaupt von der bevorstehenden Ausgabe für welche Sie die ersten Drucke einzusehen wünschen, öffentlich reden? Und ist es nicht vielleicht unvorsichtig gerade mit dem Herausgeber der 3ten, von einer 4ten Auflage zu sprechen? Ich halte meinen Brief solange zurück, bis Sie mich über die Ungefährlichkeit der Sache beruhigen. Auch will mir scheinen, als ob in diesem Falle eine directe Anfrage durch Sie selbst eine bessere Wirkung machen müsste, als wenn ich als Vermittler käme, und halb und halb doch in Ihrem Auftrage meine Bitte bei Herrn Schubring vorbrächte. Unter der Hand habe ich hier bei alten Schumannianern in Erfahrung gebracht, daß Albert Dietrich den Ruf besitzt, die meisten alten Ausgaben, die sonst überall gänzlich verschwunden sind, in seiner Bibliothek zu haben. Er würde Ihnen doch gewiss mit größter Bereitwilligkeit zu Diensten stehen.
Daß die Impromptu’s, op 5 unter den Noten von Frau Professor Braune waren, können wir als eine besondere Gunst des Schicksals ansehen. Alfred Dörfel sagte mir, daß er trotz der emsigsten Forschungen es nie dahin gebracht hat, ein solches Exemplar zu Gesicht zu bekommen. Und Dörfel ist Spezialist, da er ja ein Verzeichniss der Schumann’schen Werke herausgegeben hat.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, ein Exemplar der Davidsbündler; 1te Ausgabe (1838, Rob. Friese „Davidsbündlertänze“ von Florestan und Eusebius – in 2 Heften à 9 Nummern) oder doch wenigstens 2te Ausgabe 1850, mit Veränderungen vom Autor, (Jul Schuberth) aufzufinden. Wo ich hinkomme, zeige ich ein lebhaftes Interesse für die Notenschränke, und stöberte schon manche – leider erfolglos durch. Reinecke wird auch nächstens heimgesucht.
So viel scheint festzustehen, dass bei den späteren Drucken von op. 1. 2. 3. 4, 7. 8. 9. und 1010 entweder die alten Platten ohne Ueberarbeitungen des Autors verwendet wurden, oder doch wenigstens dem Stecher als einzige Vorlage zu den neuen Platten gedient haben. Dabei könnten wir uns also wohl beruhigen, wenn nicht doch die Vergleichung der Drucke von den alten und von den neuen Platten immerhin zur Constatirung eventueller Ungenauigkeiten einen nicht zu unterschätzenden Werth hätte.
Wäre denn bei Brahms gar nichts zu finden? So viel ich weiss, kennt er sich in solchen Sachen gut aus, und legt viel Werth auf alte Ausgaben. Ich fahre einstweilen ruhig fort überall herumzuspioniren, und erwarte betreffs Schubring einen positiven Auftrag. Daß er die <>erste Ausgabe von op 6 hat, steht, glaube ich, ausser allem Zweifel. Wie war’s in Hamburg bei dem gräulichen Wetter? Meine Frau kämpft mit einer versteckten Erkältung, hält sich aber noch tapfer. Wir Beide küssen Ihnen die lieben Hände! In innigster Verehrung und Ergebenheit
Herzogenberg

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
429-432
 



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