19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 18565 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 11.04.1878
 

Leipzig den 11. April 78.

Meine theuerste Frau Schumann,

Recht undankbar und scheußlich muß es Ihnen vorkommen, dass wir auf Ihren guten beglückenden Brief an meinen Heinrich kein Zeichen der Erwiederung gaben; aber er traf uns in einem Moment besondrer Art, in einem jener Momente wo man sich verzehnfachen möchte um allen Anforderungen zu genügen die auf einen hereinstürmen u. wo man mit trauriger Resignation schließlich doch nur die Hälfte von allem fertig bringt; um Ihnen nur eines zu citiren: ich sollte rasch eine Kindergärtnerin für Heinrichs Schwester ausfindig machen und mußte an einem Tage 24 sage vieru.zwanzig Kindergärtnerinnen gründlich in Augenschein nehmen u. psychologische Versuche an ihnen anstellen – mir schwindelte, es brannte mein Eingeweide, aber was halfs! Die nächsten Tage Erkundigungen einziehen u. massenhaft Briefe schreiben war die nothwendige Folge davon, <S>Donnerstag<> hoffte ich Ruhe zu haben (heute vor 8 Tagen) da kam die Todesnachricht meines alten Onkel Baudissin in Dresden welchem die letzte Ehre zu erweisen, in Abwesenheit meiner Mutter, die seine Pflegetochter war, ich mich doppelt verpflichtet fühlte. Daß wir nicht einen Tag länger in Dresden bleiben konnten um Sie noch zu sehen war mir zu schmerzlich, ich hätte so gerne mit Ihnen über die Ihnen bevorstehende Uebersiedlung gesprochen – aber wir mußten Montag Abend zurück sein. Das Packet Noten fanden wir vor; wie schade dass sich so wenig auftreiben läßt das sich Ihnen dienlich erweist. Wenzel ist ein alter <>verschmitzter Kerl, mein Mann spannte ihn neulich auf die Folter u. er gestand – aber herausgeben will er nichts. Die Musikalien von Frau Braune behalten Sie doch ja in aller Ruhe, wenn <s>Sie ihr für die alten neue Exemplare zustellen, mit einer Zeile Ihrer Hand die auf das Tauschgeschäft Bezug haben, so weiss ich ist die Dame überglücklich. Aber auch damit hat es ja noch alle Zeit. Dass Sie uns unsre Noten nicht durch Filu zurückschickten war auch schade, Sie sind in allem zu gewissenhaft, zu ordentlich, zu gut u. wenn ich bedenke dass all die schönen Eigenschaften Ihnen Zeit kosten, Zeit die in Ihren Händen ein so kostbares Gut ist, so möcht’ ich wünschen dass Sie ein wenig schlechter wären. Also die Würfel für Frankfurt sind gefallen! Möchten Sie das Rechte damit getroffen haben, sich dort bald heimisch u. wohl fühlen liebe theure Frau, u. der Wirkungskreis Ihnen dort recht recht zusagen. Ich kann mir denken, daß Ihnen der Abschied von Berlin, trotz all seinen unangenehmen Seiten, nicht leicht werden wird – man wächst mit jedem Ort, an welchem man längere Zeit gelebt, doch merkwürdig zusammen u. alles Frohe u. Traurige das einem begegnet giebt dem Orte wo es sich zutrug einen Beigeschmack, der ihn uns theuer macht, u., wenn man ihn verläßt, das Gefühl in uns erweckt, als schieden wir gleichzeitig von einer gewissen Existenz – deren Bedingungen wir doch in uns tragen; es ist doch ziemlich das gleiche Leben, das man in Buxtehude oder in Rom führt – wenn „man“ nämlich Sie ist u. das Beste was man hat als höchst organisirte Schnecke überall mit sich hinträgt. Das unangenehme, wirklich tiefgreifend unangenehme, der Großstadt werden Sie los, u. einen wechselnden ungenügenden Wirkungskreis, bei dem <s>Sie sich auch allzuviel aufopferten, tauschen Sie gegen einen regelmäßigen u. gesicherten ein – das sind jedenfalls zwei Vortheile Das Clima kann auch nur besser sein – die Wohnung – ja die Wohnung! aber die Sonne scheint doch in Frankfurt eben so wie in Berlin u. sie war doch das Element, ohne welches auch die Zelte Nro 11 nichts heißen würden – also Sonne gesucht um jeden Preis! Um die schönen rostbeefs würd ich weinen an Fräulein Marie’s Stelle – die Welt hat ihresgleichen nicht aufzuweisen, aber auch darüber kommt man hinweg. Wenn Sie nur den garstgen Umzug schon hinter sich hätten – ich begreife sehr Eugeniens Wunsch, denselben zu leiten <>u. würde ihr entschieden die Charge des Oberaufsehers ertheilen – sie wünscht es sich offenbar u. sie mit der Fillu kann viel ausrichten, ohne sich anzustrengen u. hat dann das beglückende Gefühl Marie die Beschwerde erspart zu haben. Thuen Sie ihr den Gefallen! Ich, als ich noch zu Haus „die Jüngste“ war, brannte auch immer darauf, dass man mir was zu thuen gäbe u. meine Fähigkeiten auf die Probe stelle, deshalb kann ich mich so gut in Eugeniens Gefühle hineinversetzen! – Wir haben uns sehr über Brahms italiänische Reise gefreut, aber wo er nur den Muth hernimmt, auf so kurze Zeit hinzugehen. Ich glaube wenn mir Einer das antrüge, ich sagte nein, aus lauter Angst von so rasch zu verdauenden riesigen Eindrücken förmlich erdrückt zu werden – obgleich ja auch das blättern in einem Buch Reiz hat u. so kann man eine flüchtige Reise ja auffassen, auf das später einmal das sich versenken in all die Schönheit folgen muß. Wie würden Sie eine solche (d. h. keine so fixe) Reise genießen, wie würde ich mich für Sie freuen wenn es mal dazu käme! Wenn wir mal recht viel Geld haben, fragen wir uns bei Ihnen an, ob Sie auch was haben u. wir reisen dann zusammen! Heinrich wäre selig, Ihr Cicerone zu sein, wozu er nämlich riesiges Talent hat, denn er kennt alle Städte auswendig wo er einmal war.
Leben Sie wohl für heute; mein lieber Mann grüßt tausendmal u. dankt Ihnen für den lieben Brief u schreibt so bald er wieder was „in Sicht“ hat. Wir beide küssen Ihnen die Hände in Verehrung – noch mehr in Liebe!
Elisabeth H.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
434ff.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.