19.12.2019

Briefe



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ID: 18566 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 01.09.1878
 

Arnoldstein. 1. September. 78. –

Theuerste Frau und Freundin,

Ich kann es mir nicht versagen Ihnen auszusprechen wie tief bekümmert ich durch die eben einlaufenden Nachrichten über Ihren Sohn bin; welch ein trauriger Abschluß dieses Sommers u. welch ein schwerer Anfang für Sie in Frankfurt! Wahrlich die Schatten sind dicht gesäet in Ihrem Leben u. an Ihnen wird der Spruch wahr, dass wem viel gegeben auch viel abgefordert wird – viel Muth viel stille-halten, viel Ergebung! Und es wäre so zu wünschen gewesen, dass grade der Anfang einer neuen Existenz von heiteren Eindrücken begleitet gewesen wäre! Ich kann nicht sagen, mit welch schmerzlicher Theilnahme ich an all die Sorgen denke, die Sie wieder durchzumachen haben u. wie doppelt stark ich mir in so traurigen Momenten bewußt werde, wie unsäglich mein Herz an Ihnen hängt, da ich es kaum aushalte, mir grade Sie von Kummer gedrückt vorstellen zu müssen – liebe theure Frau, lassen Sie sichs nur einmal bekennen, dass ich Sie so viel mehr liebe, als ich leider je im Stande sein kann, es Ihnen zu beweisen – u. auch, es Ihnen auszudrücken, abgesehn davon, dass ich mich immer schäme dies zu thuen, weil ich zu deutlich erkenne, wie wenig Ihnen das sein kann, wenn ein unbedeutender Mensch mehr in Liebe zu Ihnen aufblickt. – Fast zu viel finde ich es, dass Ihnen nun auch der Arm neu zu schaffen macht u. Sie statt eines ruhigen Nach-Sommers in Baden zu genießen, sich wieder einer Cur in Kiel unterziehen müssen. Eugenie bleibt, wie die Filu mir schreibt, in Baden mit dem Bruder, während Marie in Frankfurt alles nöthige fertig macht – so müssen Sie alle auseinander, zu einer Zeit, wo das Beisammen bleiben gewiß jeder von Ihnen doppeltes Bedürfniß wäre. – Wir führen hier mit meiner Mutter ein sehr stilles arbeitsames Leben in einer schönen u. anheimelnden Natur – da wir die einzigen Fremden hier sind, haben wir über zu viel Geselligkeit nicht zu klagen – es ist aber das einzige Leben welches meine arme Mutter, die müde u. mürb vor der Zeit geworden noch vertragen kann u. als ich noch glaubte dass wir mit ihr nach <>Berchtesgaden könnten wußte ich noch nicht wie alt sie mir geworden seit ich sie zuletzt gesehen, sie ist leider keiner Strapatze [sic] mehr gewachsen u. die Rückreise nach Florenz wird schon eine sehr starke Anforderung an ihre Kräfte sein. Sie bittet Ihnen herzlich empfohlen zu sein – sie spricht von Ihnen nur, wie von dem Besten u. Schönsten was sie erlebt.
Leben Sie wohl für heute, senden Sie mir gelegentlich einen Gruß durch Eugenie, ja nicht mehr wie Sie in Ihrer zu großen Güte etwa fähig wären, ich will Ihnen keine Minute mehr Zeit kosten als schon durch diesen Brief unvermeidlich ist. Einen guten Gruß an Marie, Ihnen küßt in Liebe die Hände
Elisabeth H

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Arnoldstein
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
439ff.
 



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