19.12.2019

Briefe



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ID: 18569 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 05.11.1878
 

5. November 78.

Theure geliebte Frau Schumann

Was uns die mit Ihnen verlebten Tage waren müssen Sie zwar wissen, dennoch kann ich es nicht lassen, es Ihnen auch zu sagen. Wir leben u. zehren lange von solchen Freuden, mit denen dieser Winter vermuthlich sparsam umgehen wird. Wenn ich’s Ihnen nur wirklich einmal aussprechen könnte, Sie beglückende Frau, was es einem ist, wenn man Sie gehört hat, wie wir Sie neulich hörten; aber grade je froher man innerlich ist, je mehr alles innerlich in schönste Erregung geräth, je stummer bleibt man nach außen u. wenn Sie einem dann die lieben Hände reichen, kann man nichts thuen, als sie küssen – u. heim gehen mit all seinen Gefühlen! Eugenie schreibt, dass Sie Ihren lieben Kranken nun schon bei sich haben, das Winterleben hält Sie also nach beiden Richtungen schon umfangen – die Pflege des geliebten Sohns u. die befreiende Thätigkeit nach außen – Schmerzliches u. Beglückendes wie immer sich die Hand reichend. Wie gut, daß Ihr Felix sich wohl bei Ihnen fühlt u. der Anfang so gut ist – wie mag er es genießen Sie nach langer Entbehrung wieder zu hören u. sich unter seinen Menschen geborgen zu fühlen. Diesen intimen Comfort kann doch keine Anstalt ersetzen u. diese Sonnenwärme strahlt nur das eigene Haus aus. Heute, d. h. in einer Stunde sollen wir in der Euterpe Mary Krebs das Brahmsche Concert spielen hören ich freue mich auf das herrliche Stück u. fürchte mich dabei ein wenig vor der Darstellerin; je älter man wird, je exclusiver wird man, – früher konnte ich so manches gleichzeitig bewundern, jetzt hab ich einen bestimmten Klang im Ohr gegen den mir alles Andre schaal u. unersprießlich, oder hart u. kalt erscheint. Die Matinée von Reineke haben wir glücklich hinter uns, der Mann kommt mir immer vor wie ein musikalischer Taschenspieler er kann eine Menge Künste aber die Kunst hat ihn nie umarmt. Seine neueste Märchendichtung ist wie alle früheren; (denken Sie schon die 4te! welch ein rührender Eifer!) es ist die blose Illustration mit der er sich abgiebt, à la Konewka Schattenrisse ohne Fleisch u. Blut und zum Unterschiede von jenem auch ohne wahre Anmuth. Er hat so viel Kinder u. so viel graue Haare dass einem die läppische Musik ordentlich als Contrast gegen seine Ehrwürdigkeit verletzend ist. Frau Lepoc traf ich dort u. sie trug mir viele Grüße an Sie auf falls mein Brief eher einlangen sollte als ihrer. Wir grüßen uns immer sehr herzlich, Frau Lepoc und ich obgleich wir uns kaum kennen, weil wir Beide an Sie denken, so oft wir uns sehen u. uns das beide freut.
Leben Sie wohl, theuerste liebste Frau Schumann, lassen Sie sich die Hände küssen u. noch einmal danken für alles, alles Liebe das uns durch Sie wurde. Der Mittag u. Abend waren uns eine unbeschreibliche Freude.
Heinrich u. Filu grüßen Sie mit mir u. Marie sagen wir auch alles Schöne. Bleiben Sie gut
Ihrer treuesten Verehrerin
Lisl Herzogenberg

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
446ff.
 



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