19.12.2019

Briefe



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ID: 18571 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 15.10.1879
 

Leipzig. 15. October 79.

Meine geliebte Frau Schumann,

Wie hab ich mich über Ihre lieben, unerwarteten, gar nicht verdienten Zeilen vom 4/9 gefreut, doppelt in einer Zeit völligen Untergangs in Ordnung machen, „reine machen“ u. sonstigem zu den nothwendigen Uebeln dieses irdischen Lebens gehörenden „Kramen“; in solchen Tagen, wo es einem fast vorkommt, als gäbe es wirklich nur solche staubige Interessen u. man sich selber zu einer Art Besen degradirt erscheint, thut solche Erinnerung an das Edelste u. Beste doppelt wohl u. Ihre Karte hätte mir nie willkommener u. erquickender sein können. – Sie liebe Freundin! wie gut sind Sie aber, dass Sie doch immer u. zu jeder Zeit was „über“ haben, an Zeit u. an freundlichen Gedanken für alle die an Ihnen treu hängen. Das Gefühl, wie sehr Sie dadurch erfreuen, muß Ihnen die Elasticität u. – die Zeit dazu verleihen, sonst wüßt ich gar nicht, wie Sie, viel Beschäftigte u. so hundertfach in Anspruch <g>Genommene es fertig brächten. – Ihren Dank habe ich freilich in Hosterwitz noch erhalten u. mich auch damals erstaunt dass das kleine, prosaische, nur als ein Scherz beabsichtigte Spagatsturzl mir so was Liebes eintragen konnte wie jene Zeilen. Eine Kleinigkeit die etwas Hübsches zu werden verspricht, hab ich jetzt in Arbeit u. sticke manchen liebevollen Gedanken an Sie mit hinein; hätt ich nur Zeit, rasch mit so was vorwärts zu kommen. Ich hab Ihnen gar nichts zu erzählen, da wir hier noch nichts erlebt, als was in unsern 4 Wänden vorging. Das setzen eines grünen Kachelofen’s u. Ähnliches absorbirte uns ganz u. kaum dass wir <>am 1. Oct. in der ersten Bach Probe in rechte Stimmung kamen, so sehr waren wir von der häuslichen Prosa gefangen genommen. Vergangenen Mittwoch war es schon anders u. in neues Entzücken versetzten uns unsre jetzigen 3 Novitäten, drei Cantaten die einem wieder neue Seiten des Bachschen Geistes zu erschließen scheinen, wie man denn nie müde werden kann, zu staunen über diesen Halbgott. Die Beschäftigung mit ihm ist fruchtbar wie nichts andres, man fühlt, indem man Fortschritte im Verständniß seines Wesens macht dass man überhaupt fortgeschritten ist u. fähiger auch auf andren Gebieten die Spreu vom Weizen zu unterscheiden. Zu meiner Freude habe ich hier von Herrn Fritsch (der im Stillen unter seinem selberwählten Wagner-Joche seufzt) dass dem großen Richard der Brahms-Aufsatz u. der zweite noch empörendere der drauf folgte, furchtbaren Schaden gethan, u. er eine Masse Abonnenten seiner Bayreuther Blätter verloren hat, so dass er aufs tiefste davon verstimmt sein soll. Also ist doch noch gesunder Sinn auch in den Angekränkelten! Mit Wehmuth denken wir dabei an Levi der gar nicht recht über diese Wagnerschen Auslassungen empört sein wollte. der Arme! halb zog es ihn, halb sinkt er hin, er kann nicht anders, aber traurig bleibt es doch. Wir kommen eben aus der Gewandhaus Probe wo zum ersten Mal seit dem aller ersten, die Brahmssche Cmoll Symph. wieder gemacht wurde. Ich konnte heute ganz gut begreifen dass Solche die sie noch nicht gehört nur wenig Sinn für sie bekommen, wenn sie sie von Reineke dirigirt kennen lernen. Vieles wird doch erst verständlich, wenn der Componist selber den Punkt aufs I setzt u. wenn gar ein so unhomogener Mensch wie Reineke ein solches Werk dirigirt, so erscheinen viele Stellen wie eine klirrende Rüstung in der kein Mensch steckt – der Accent wird gemacht, das sforzando ist da, aber die innere Nothwendigkeit fehlt, der Eindruck den es machen soll bleibt aus. Bis sich nicht eine Tradition für die Aufführung bildet ist es doch schlimm mit neuen Werken bestellt – Beethoven u. Schumann dirigirt Reineke doch nur deshalb etwas besser weil er eben da unter dem Einfluß dieser Tradition steht? – Der arme Reineke! denken Sie sich, wir erfuhren hier, dass sein unglücklicher Sohn im Frühjahr nicht plötzlich starb, sondern sich das Leben nahm – aus hoffnungsloser Liebe u. in Schrecken gejagt von einer bösen alten Tante! – Die Cantorstelle hat wie es scheint ihren Mann in Rust gefunden – wir hoffen wenig Gutes von dieser Wahl wenn sie sich bestätigt. Und Stockhausen wieder „freien Fußes“ – welch ein unruhiger Geist. –
Doch nun leben Sie wohl, geliebte Frau Schumann, wann dürfen wir hier nach Ihnen ausschauen u. werden Sie uns das G dur Concert bringen nach dem wir uns sehnen? Und wie steht es mit England? Das theilt mir alles hoffentlich die Fillu nächstens mit. Seien Sie innigst gegrüßt von
Ihrer Sie liebenden
treuen Lisl Herzogenberg.

Seien Sie nicht empört über dieß Papier, es ist ehrwürdiges Handpapier aus Augsburg!

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
450-454
 



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